
Kriminalstatistik Weniger Straftaten, mehr Gewaltdelikte
Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt: Insgesamt ist die Zahl der erfassten Straftaten gesunken - auch wegen des Cannabis-Gesetzes. Anders sieht es bei Gewaltdelikten aus. Sie erreichen einen Höchststand.
Die Zahl registrierter Straftaten in Deutschland ist im vergangenen Jahr um 1,7 Prozent leicht gesunken auf 5,837 Millionen. Das geht aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2024 hervor. Die Aufklärungsquote lag bei 58,0 Prozent (2023: 58,4 Prozent).
Die Zahl der erfassten Gewalttaten ist jedoch erneut gestiegen - um 1,5 Prozent auf 217.277 Fälle - ein neuer Höchststand seit 2010.
Mehr erfasste Sexualdelikte
Ein starkes Plus um 9,3 Prozent gab es laut PKS beim Delikt "Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Übergriff im besonders schweren Fall einschließlich Todesfolge" mit 13.320 Fällen.
Eine Erklärung für den Anstieg könnte, so die Autoren der PKS, "eine gestiegene Sensibilisierung und eine höhere Anzeigenbereitschaft der Betroffenen sein, so dass möglicherweise eine Verschiebung vom Dunkel- ins Hellfeld stattfindet".
In einigen Deliktsgruppen wie zum Beispiel sexuelle Belästigung oder Kindesmissbrauch gilt ein großes Dunkelfeld in der kriminologischen Forschung als sehr wahrscheinlich, da Straftaten von den Opfern zum Beispiel aus Scham oder aufgrund von Abhängigkeitsverhältnissen entweder gar nicht oder erst Jahre später zur Anzeige gebracht werden.
Mehr minderjährige und nicht-deutsche Verdächtige
Auch die gefährliche und schwere Körperverletzung nahm den Angaben nach um 2,4 Prozent auf 158.177 Fälle zu. Die Steigerungen bei der Gewaltkriminalität führt die PKS auf mehr "nicht-deutsche" Tatverdächtige (85.012; plus 7,5 Prozent) sowie mehr Kinder (13.755; plus 11,3 Prozent) und mehr Jugendliche (31.383; plus 3,8 Prozent) als Täter zurück.
Ein Grund für mehr Taten von Minderjährigen könnte laut Kriminalstatistik der Anstieg psychischer Belastungen sein, der es mit "anderen ungünstigen Faktoren" wahrscheinlicher mache, dass jemand Täter werde, heißt in der PKS.
Die höhere Ausländerkriminalität sei teilweise damit zu erklären, dass der Anteil von Ausländern an der Bevölkerung 2024 weiter gestiegen sei. Zudem seien Flüchtlinge oft von Gewalterfahrungen und psychischen Belastungen betroffen. Diese Risikofaktoren erhöhten die Wahrscheinlichkeit, Straftaten zu begehen.
Tausende Messerangriffe - Anstieg nicht richtig bezifferbar
Bei der Gewaltkriminalität weist die Statistik 15.741 Messerangriffe aus. Insgesamt waren es 29.014 Straftaten (meist Bedrohung) mit einem Messer. Gezählt werden angedrohte und ausgeführte Angriffe.
Weil die Daten bis einschließlich 2023 laut PKS nur "eingeschränkt valide" waren, lässt sich ein Anstieg über die Jahre nicht genau beziffern. Die Zahlen kletterten jetzt vor allem in Bayern (plus 110 Prozent), Nordrhein-Westfalen (plus 20,6 Prozent) und Brandenburg (plus 16,6 Prozent).
Etwa ein Drittel aller Straftaten entfällt auf Diebstahlsdelikte (1,94 Millionen; minus 1,6 Prozent). Wohnungseinbruchdiebstahl nahm um 0,8 Prozent auf 78.436 Fälle zu. Starke Zuwächse registrierten Hessen (plus 12,7 Prozent), NRW (plus 5,2 Prozent), Bayern (plus 4,9 Prozent) und Berlin (plus 2,5 Prozent).
Die Kriminalität hatte 2022 nach Jahren des Rückgangs bundesweit wieder zugenommen. Damals war jedoch ein Teil des Anstiegs auf den Wegfall der Corona-Maßnahmen zurückzuführen. Durch die staatlichen Beschränkungen hatte es 2020 und 2021 weniger Tatgelegenheiten gegeben - etwa weil Geschäfte geschlossen waren und sich weniger Menschen begegneten.
Besonderheit durch Cannabis-Gesetz
Die Teillegalisierung von Cannabis vor einem Jahr hat indes für einen starken Rückgang der erfassten Rauschgiftdelikte gesorgt. Die Zahl der Fälle sank 2024 im Vergleich mit dem Vorjahr um 34,2 Prozent auf 228.104, wie aus der Polizeilichen Kriminalstatistik hervorgeht.
Einen erheblichen Rückgang gab es auch bei Heroin mit einem Minus von 14,8 Prozent auf 8634 Fälle. Mehr registrierte Fälle als im Jahr zuvor wurden 2024 demnach hingegen bei Kokain und Crack mit einem Anstieg von 4,8 Prozent (38.671 Fälle), bei Methamphetamin mit plus sechs Prozent (11.070 Fälle) und bei LSD mit plus 32,6 Prozent (1073 Fälle) registriert.
Das Gesetz zur Teillegalisierung von Cannabis war am 1. April 2024 in Kraft getreten. Besitz und kontrollierter Anbau zum privaten Gebrauch sind seither erlaubt, allerdings mit Einschränkungen. In den derzeitigen Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD ist das Thema strittig. Vor allem die CSU dringt auf eine strikte Antidrogenpolitik.
Die neue Cannabis-Gesetzgebung ist laut PKS ein Grund, warum die Gesamtzahl der Straftaten leicht abnahm.
Starker Anstieg bei Wirtschaftskriminalität
Besonders stark war der Anstieg im Bereich Wirtschaftskriminalität: Die Zahl der Fälle stieg von 38.925 (2023) auf 61.358 (2024), ein Plus von 57, 6 Prozent. Laut PKS schwanken in diesem Bereich die Fallzahlen regelmäßig stark. "Diese resultieren aus dem Abschluss zum Teil mehrjähriger Ermittlungen in Sammelverfahren mit einer Vielzahl von Geschädigten und Fällen."
Wesentlichen Einfluss auf die aktuelle Entwicklung habe ein Verfahren in Schleswig-Holstein gehabt - mit insgesamt 18.595 Fällen im Deliktsbereich Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen.
Weniger Cybercrime-Fälle
Fälle von Computerkriminalität oder Cybercrime im Inland sind im vergangenen Jahr das zweite Mal in Folge zurückgegangen - die im Ausland verübten Taten mit Folgen für Deutschland sind jedoch gestiegen. Laut PKS gingen die Cybercrime-Fallzahlen 2024 um 2,2 Prozent auf knapp 131.400 Fälle zurück, nachdem sie seit 2016 jahrelang gestiegen waren. Die Aufklärungsquote betrug 31,9 Prozent und verbesserte sich damit leicht.
Das BKA zählt zu Cyberkriminalität etwa das Abgreifen und Manipulieren von Daten über Schadsoftware, die Verschlüsselung von Daten mit anschließender Lösegelderpressung oder das gezielte Lahmlegen von Websites. Auch Warenkreditbetrug wird zur Computerkriminalität gerechnet. Es wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen - der Kriminalstatistik zufolge gehen Studien davon aus, dass vier von fünf Straftaten im Bereich Cybercrime gar nicht angezeigt werden. Die Fälle gehen außerdem nur dann in die Statistik ein, wenn mindestens ein Krimineller im Inland agierte.
Die vom Ausland aus begangenen Taten, die in Deutschland Schäden verursachen, stiegen erneut an, auf zuletzt 201.877 Fälle. Die Aufklärungsquote betrug hier nur 2,2 Prozent.
Mehr angezeigte Beleidigungen
Wie aus der Statistik weiter hervorgeht, gab es im vergangenen Jahr auch mehr angezeigte Beleidigungen, die Zahl stieg um 5,8 Prozent auf gut 251.500 Fälle. Vor allem Beleidigungen im Internet legten deutlich zu - um 14,6 Prozent auf 23.836 Fälle. Zugleich werde laut BKA nur etwa "ein Prozent der persönlichen Beleidigungen im Internet" angezeigt.
Erkenntnisstand über Ermittlungen
Die PKS beruht auf dem Erkenntnisstand bei Abschluss der polizeilichen Ermittlungen. Sie unterliegt zahlreichen Einflüssen, die ihre Aussagekraft begrenzen. Dazu gehören zum Beispiel das Anzeigeverhalten der Bevölkerung.
Auch die Kontrollintensität der Polizei hat maßgeblichen Einfluss auf die Statistik. Eine hohe Polizeipräsenz führt in aller Regel auch zu mehr aufgedeckten und angezeigten Straftaten. Dies gibt aber keine Auskunft darüber, ob die tatsächliche Zahl der Straftaten gestiegen ist - oder lediglich die Zahl der polizeilich bekannten (siehe Hell-/Dunkelfeld).