Donald Trump
exklusiv

Druck auf Medizinforschung Wie Trumps Politik deutsche Universitäten trifft

Stand: 02.04.2025 12:08 Uhr

An vielen deutschen Unikliniken laufen Forschungsprojekte, die mit US-Geldern finanziert werden - mit ungewisser Zukunft. Wissenschaftler berichten gegenüber NDR, WDR und SZ von verängstigten US-Kollegen, untersagten Treffen und Zensur.

Von Markus Grill, NDR/WDR

Obwohl die ersten Frühlings-Sonnenstrahlen Berlin erwärmen, sitzt der international angesehene AIDS-Forscher Christian Gaebler in einer olivgrünen Fleecejacke in seinem Büro auf dem Campus der Berliner Charité. Gaebler ist erst vor wenigen Tagen von einer Reise aus den USA zurückgekehrt und alles, was er von dort berichtet, lässt ihn frösteln. In San Francisco wollte er Wissenschaftler treffen aus den National Institutes of Health (NIH), die so viel Geld für medizinische Forschung ausgeben, wie sonst niemand auf der Welt. Doch diese konnten gar nicht kommen, weil "zuvor ein Reise- und Kommunikationsstopp für NIH-Mitarbeiter verhängt worden war", sagt Gaebler.

Die US-Regierung und der neue Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. haben angekündigt, Tausende Stellen zu streichen. Bisher finanzieren die NIH Gaeblers HIV-Forschung in Berlin mit mehr als 100.000 Euro pro Jahr. Das ist zwar nur ein Teil seiner Forschungsmittel, aber ob das Geld dieses Jahr auch tatsächlich fließt? "Keine Ahnung", sagt Gaebler, "nicht mal die Verantwortlichen aus dem NIH konnten mir das sagen."

Große Verunsicherung unter Forschenden

Große Verunsicherung herrscht in diesen Wochen an medizinischen Fakultäten in Deutschland. Eine Umfrage von NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung (SZ) ergab, dass an mehr als der Hälfte aller Unikliniken wissenschaftliche Studien oder Laborforschung stattfindet, die mit NIH-Geldern co-finanziert ist. Mindestens 75 solcher Forschungsprojekte gibt es bundesweit. Viele laufen vor allem an angesehenen Traditionsuniversitäten wie Freiburg, Bonn oder Tübingen. In Heidelberg betraf der Förderstopp der Entwicklungshilfe-Behörde USAID die Entwicklung eines Tuberkulose-Schnelltests. Allein an den beiden Münchner Universitäten LMU und TU gibt es jeweils elf Forschungsprojekte mit US-Geld.

"Die Auswirkungen eines Förderstopps sind schwierig abzusehen", sagt Thomas Gudermann, Dekan der Medizinischen Fakultät an der LMU. Einzelne Forschungsprojekte würden nach einem Stopp sicher nicht neu begonnen. Andererseits "erreichen uns zahlreiche Anfragen von Kolleginnen und Kollegen aus den USA, die Interesse haben, ihre Forscherkarriere nach Europa zu verlegen", sagt Gudermann.

Zensur von Studien

In Köln arbeiten mehr als 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Kommen neue Arzneimittel und Therapien in Deutschland auf den Markt, bewertet das IQWiG, ob sie tatsächlich einen Zusatznutzen für Patienten haben - oder nur neu und teuer sind. Beate Wieseler leitet dort das Ressort Arzneimittelbewertung.

Welche Auswirkungen die neue Politik hat, bemerkte Wieseler bereits einen Tag nach der Amtseinführung von Trump. Damals wollte sie sich zusammen mit EU- und US-Arzneimittelaufsehern im belgischen Gent treffen, um sich über neue Kriterien für Studien über Krebsmedikamente zu verständigen. Die Kollegen der US-Behörde FDA durften einfach nicht mehr kommen, sagt Wieseler. "Wir haben dann nur noch unter uns Europäern gesprochen." Unter ihren US-Kollegen herrsche inzwischen große Verunsicherung, sagt sie. "Sie haben schon darum gebeten, dass wir keine E-Mails mehr schreiben."

Persönliche Treffen sind das eine, wissenschaftliche Publikationen das andere. "Für eine gemeinsame Arbeit verschiedener Wissenschaftsorganisationen haben die FDA-Kollegen uns eine Liste von Begriffen übermittelt, die in Publikationen nicht mehr verwendet werden dürfen", sagt Wieseler. Dazu gehörten "gender", "bias" oder "mental health". "Das ist für uns natürlich grundsätzlich nicht akzeptabel." Wieseler ist schockiert, wie sehr die US-Wissenschaftler in Deckung gehen, wie wenig Protest sich aus ihrer Sicht gegen die Zerstörung der Wissenschaftskultur in den USA erhebt. "Offenbar will niemand negativ auffallen. Schon das ist bereits eine massive Veränderung."

Gesundheitsinformationen verschwinden aus dem Netz

Das Charité Campus Virchow-Klinikum im Norden Berlins ist ein 270.000 Quadratmeter großes Gelände, das auf eine Initiative des berühmten Mediziners und Politikers Rudolf Ludwig Karl Virchow zurückgeht. Vor 125 Jahren entstand hier ein Komplex mit 57 Einzelbauten und 2.000 Betten. In einem der Gebäude am Rand des Geländes arbeitet der Infektiologe Leif Erik Sander. Freitagnachmittag ist der Zugang zu Sander bereits mit einer Sicherheitstür verschlossen. Per SMS schickt er den Zugangscode. Ein leises Surren und die Tür öffnet sich. Auch Sander ist, wie viele Wissenschaftler, erschüttert von den Veränderungen in den USA.

"Eine der ersten Dinge, die mich aufgeschreckt haben, war, dass die Behandlungsleitlinien für sexuell übertragbare Krankheiten auf der Seite der CDC zwischenzeitlich gelöscht wurden." Die CDC ist in den USA so etwas wie das Robert Koch Institut bei uns - nur wesentlich größer und angesehener. "Dann wurden sämtliche Impfempfehlungen gelöscht." Manche Infos seien wieder gekommen, aber nicht die zu MPox (ehemals: Affenpocken), von der vor allem homosexuelle Männer und Transmenschen betroffen sind. "Das betrifft offenbar die falsche Bevölkerungsgruppe", sagt Sander.

USA waren Referenzland in Sachen Forschung

Aber kann uns das in Deutschland nicht egal sein? "Nein", sagt Sander. "Die USA waren in medizinischen Fragen das Referenzland schlechthin. Zum Beispiel die Zulassungsbehörde FDA ist eine weltweite Referenz und Institutionen wie die CDC teilen viele neue Informationen auch mit der Weltgesundheitsorganisation, das wird auch wegfallen." Gesundheitsinformationen zu zensieren, wie es nun in den USA absehbar sei, führe relativ rasch zu schlechterer Behandlung und zu vermeidbarem Leid.

Unklar sei auch, wie es mit PubMed weitergeht, der wichtigsten Datenbank für Literatursuche weltweit. Jeden Tag rufen Tausende Mediziner die Seite auf - die auch bei den NIH angesiedelt sei. "Wenn diese Quelle nicht mehr zur Verfügung stünde oder wichtige Qualitätskontrollen entfallen und mit Bezug auf die Freiheit jeder Mist veröffentlicht würde, wäre es ein riesiger Verlust", fürchtet Sander. "Verschiedene Initiativen sichern gerade den Datenbestand von PubMed, um zumindest den aktuellen Stand noch verfügbar zu halten", ergänzt Beate Wieseler vom IQWiG.

Fassungslos macht auch den Infektiologen Sander, dass es bisher allenfalls "zaghaften Widerstand" gebe. Selbst wissenschaftliche Fachgesellschaften, die ja keine Bundesbehörden seien, hätten sich selbst zensiert und Texte von der Website genommen, die einen Bezug zu Gender, Gleichstellung und LGBTQ haben. "Viele schweigen und hoffen, wenn sie den Kopf einziehen, werden sie ungeschoren davon kommen. Das glaube ich aber nicht."

Die US-Regierung antwortete nicht auf konkrete Fragen zur Kommunikationssperre, zum Reisebann, zur Liste unerwünschter Wörter und zum Umfang und der Weiterfinanzierung der NIH-Forschung in Deutschland.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. April 2025 um 13:28 Uhr.