
Rheinland-Pfalz Kinderzentrum Ludwigshafen hilft Kindern mit Autismus
Am Welt-Autismus-Tag geht es darum, auf die besonderen Bedürfnisse dieser Menschen aufmerksam zu machen. Am Kinderzentrum in Ludwigshafen gibt es eine ganze Abteilung mit Experten, die autistischen Kindern und deren Eltern hilft - wie Nikolas aus Frankenthal.
Logopädin Lena Cornelius arbeitet mit dem achtjährigen Nikolas gerade an einem Zahlenspiel. Wie bei einem Memory muss der Achtjährige kombinieren, welches Zahlenmotiv zu welcher Zahl gehört. Immer wieder wiederholt die Logopädin die Zahl. Möchte, dass sie Nikolas nachspricht. Meistens antwortet sein Sprachcomputer, auf den er klickt. Dieser hilft ihm in der Kommunikation.
Kommunizieren lernen mit Sprachcomputern
Denn der Achtjährige leidet am Frühkindlichen Autismus. Bei ihm bedeutet es, dass er nicht sprechen kann, Probleme im sozialen Umgang hat und sich fast nicht ausdrücken kann. Der Sprachcomputer, auch Talker genannt, sei daher nicht nur in der Therapie, sondern auch im Alltag wichtig, erklärt Vater Timo Meyer. "Je nachdem, welches Themas es ist, wähle ich die Bilder aus, um zu zeigen, was ich von ihm will. Die versteht er in jedem Fall."
Wenn Nikolas Hunger hat oder müde ist, könne er sich inzwischen auch selbst mit Bildern auf dem Sprachcomputer ausdrücken – auch dank der Therapien im Kinderzentrum in Ludwigshafen. Wörter kann er nur eine Handvoll. Eine herausfordernde Kommunikation, weiß auch die Diplom-Psychologin und Leiterin der Autismus-Abteilung, Heike Hemmer.
Eltern von Autisten sind wie Detektive
Aktuell betreut die Einrichtung 150 autistische Kinder aus der Pfalz. "Die Eltern bei uns, die sind Meister in der Interpretation ihrer Kinder", so Hemmer. "Sie sind wie Detektive." Und müssten erahnen, was ihrem Kind gerade fehlt.

Diplom-Psychologin und Leiterin der Autismus-Abteilung, Heike Hemmer, fordert mehr Therapieplätze und eine bessere Vergütung für Therapeuten und Logopäden.
Obwohl die Kommunikation mit seinem Sohn kaum möglich ist, hat der Familienvater aus Frankenthal eine enge Bindung zu seinem autistischen Kind. "Ich hab mit meinem Sohn in den ersten vier Jahren mehr Zeit verbracht, als mein Vater mit mir im gesamten Leben", so Meyer. "Man weiß halt einfach, sie brauchen mehr und man gibt ihnen mehr. Und sie geben es am Ende auch einem auf ihre Weise zurück."

Der achtjährige Nikolas lernt spielend mit seiner Logopädin Zahlen und Buchstaben.
Kinderzentrum Ludwigshafen: Wartelisten für Autismus-Fachbereich
In der kommunalen Einrichtung am Kinderzentrum in Ludwigshafen werden seit zwei Jahren autistische Kinder in einem neu gegründeten Fachbereich therapiert. Die aktuell rund 150 Kinder kommen aus dem ganzen vorderpfälzischen Raum und bekommen spezielle autismusspezifische Förderungen. Auch Elterngruppen gibt es hier, die Hilfe bekommen.
Doch die Therapieplätze reichen nicht aus. Die Warteliste ist lang. "Das tut uns im Herzen weh zu sagen, dass wir aktuell keinen Platz haben", so die Fachbereichsleiterin Heike Hemmer. Sie wünscht sich zum Welt-Autismus-Tag, dass der Staat mehr Stellen dafür bereit hält. Das alleine reiche allerdings nicht. Auch Fachkräfte fehlten - die müssten auch besser bezahlt werden. "Da fehlt einfach eine Anerkennung für solche Berufe", so Hemmer.

Am Fachbereich Autismus am Kinderzentrum in Ludwigshafen gibt es unterschiedliche Therapieräume.
Welt-Autismus-Tag: Weniger Glotzen, mehr Toleranz
Experten schätzen, dass weltweit etwa 0,6 bis 1 Prozent der Menschen an Autismus-Spektrum-Störungen leiden. Dabei gibt es unterschiedliche Autismus-Formen, wie etwa das Asperger-Syndrom und unterschiedliche Schweregrade. Manche können in der Schule mithalten, ergreifen später einen Beruf und haben spezielle Begabungen. Was sie gemeinsam haben, ist, dass sie sich etwas anders verhalten, kommunizieren und Dinge anders wahrnehmen. Familienvater Timo Meyer wünschst sich am Welt-Autismus-Tag mehr Toleranz.
Beim Einkaufen werde sein Sohn oder auch er selbst oder seine Frau immer mal wieder schräg angeschaut oder sogar zurechtgewiesen. "Mein Sohn verhält sich dann eben manchmal nicht wie andere Kinder, schaut sich anders um, berührt vielleicht auch mal Menschen, die er sympatisch findet, hustet, ohne die Hand vor den Mund zu halten", so Meyer. "Ich würde mir wünschen, dass die Leute auf der Straße, wenn sie so etwas bemerken, es einfach feststellen und weitergehen." Wütend auf sein Kind zu sein, sei jedenfalls nicht die richtige Reaktion. "Er kann ja nichts für sein Verhalten."
Sendung am Mi., 2.4.2025 6:00 Uhr, SWR4 RP am Morgen, SWR4 Rheinland-Pfalz