Auf dem Schulhof der Europaschule Rövershagen steht ein alter eingerüsteter Reichsbahn-Waggon.

Mecklenburg-Vorpommern Auf dem Schulhof steht ein Waggon mit dunkler Geschichte

Stand: 02.04.2025 15:39 Uhr

80 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz besucht eine der jüngsten Überlebenden die Europaschule in Rövershagen. Dort arbeitet eine engagierte AG gegen das Vergessen und den zunehmenden Antisemitismus.

Von Hannes Opel

Am Tag vor der Veranstaltung hat Eva Umlauf eine Mail von "Goebbels" erhalten. So nennt sich der anonyme Absender. Die Nachricht: Zwei Sätze. Man würde sie "auch noch kriegen" und sie solle aufhören, Lügen zu verbreiten. Nun sitzt die 82-Jährige vor knapp 100 Neuntklässlern und Lehrern. In einem Saal der Europaschule in Rövershagen (Landkreis Rostock) will sie den Schülern von ihrem Überleben erzählen. Wegen der Droh-Mail vom Vortag sitzt im Publikum auch ein Polizist - vorsorglich.

Wegen defekter Lok überlebt

Eva Umlauf: "Nach der Befreiung von Auschwitz waren wir Wunderkinder. Alle Menschen wunderten sich, dass wir überlebt hatten. Und Wunderkinder bekommen mal hier eine Schokolade und da ein gutes Wort. Es war schön, ein Wunder zu sein als Kind. Was das eigentlich bedeutete, wurde mir erst später klar." In einem slowakischen Arbeitslager für Juden namens Nováky geboren, ist Eva Umlauf zwei Jahre alt, als sie Anfang November 1944 mit ihrer schwangeren Mutter nach Auschwitz deportiert wird. Sie überlebt, weil eine kaputte Lok den Transport verzögert. Bei ihrer Ankunft im Vernichtungslager sind die Gaskammern bereits gesprengt. Angesichts der vorrückenden Roten Armee hatten die Deutschen begonnen, die Beweise für den Massenmord zu zerstören.

Eva Umlauf vor einem alten Reichsbahn-Waggon auf dem Schulhof der Europaschule in Rövershagen.

Eva Umlauf wurde als zweijähriges Mädchen nach Auschwitz deportiert.

"Ihr seid die Zukunft"

Auch deshalb hat sie als Zeitzeugin alles aufgeschrieben. 2016 erschien ihr Buch: "Die Zahl auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen." Seitdem reist sie durchs Land, um vor allem in Schulen daraus zu lesen. Sie sieht das als ihre Pflicht an, wie sie sagt. "Ihr seid die Zukunft! Wir werden jedes Jahr bei den Gedenkveranstaltungen weniger, das ist der Lauf der Dinge. Deshalb ruht die Hoffnung auf euch. Denkt nach!" appelliert sie an ihre Zuhörerinnen und Zuhörer.

Seit 25 Jahren Kriegsgräber AG

Organisiert hat die Veranstaltung in Rövershagen die Kriegsgräber AG der Europaschule. Seit mehr als 25 Jahren setzen sich dort Schülerinnen und Schüler von der 5. bis zur 11. Klasse unter Leitung der Sport- und Geschichtslehrerin Petra Klawitter mit der deutschen Geschichte auseinander. Im Fokus stehen die Zeit des Nationalsozialismus und die SED-Diktatur. Petra Klawitter: "Ich möchte einfach, dass meine Schüler, meine Familie, dass die Menschen in Frieden aufwachsen. Und dass sie eine Zeit nicht erleben müssen, wo Ausgrenzung an der Tagesordnung ist, wo man andere Religionen, andere Kulturen nicht akzeptiert."

Zunehmender Antisemitismus

In den vergangenen Jahren sind in Mecklenburg-Vorpommern - wie im gesamten Bundesgebiet - antisemitische Straftaten konstant gestiegen - von 30 Straftaten im Jahr 2014 auf 115 im Jahr 2023. Mit 90 Straftaten wird der überwiegende Teil rechten oder rechtsextremen Tätern zugeschrieben. Das geht aus der Statistik zur politisch motivierter Kriminalität (PMK) des Bundeskriminalamtes und auf Meldungen der Dokumentation- und Informationsstelle Antisemitismus Mecklenburg-Vorpommern (DIA.MV) zurück.

Waggon für Deportationen genutzt

Die Schülerinnen und Schüler der AG Kriegsgräber in Rövershagen sind engagiert. Ihre Bücher, Podcasts und Filme wurden bereits mehrfach ausgezeichnet. Seit 2009 steht eins ihrer größten Projekte auf dem Schulhof: Ein alter Güterwaggon der Reichsbahn. Gefunden hatten ihn Schüler bei einem Eisenbahnverein in Röbel. Der Waggon sei - wie so viele andere auch - während des Nationalsozialismus für Deportationen genutzt worden, so Geschichtslehrerin Klawitter. Bis zu drei Millionen Jüdinnen und Juden sollen auf den Schienen der Reichsbahn in die Konzentrationslager verbracht worden sein.

Ort für Ausstellungen und Lernwerkstätten

Die Schüler der AG Kriegsgräber gaben dem Waggon deshalb eine neue Bedeutung. Er wurde restauriert und wurde viele Jahre für Ausstellungen und Lernwerkstätten genutzt. Nun aber soll er instandgesetzt werden. Dafür müssen die Mitglieder der AG wieder anpacken. Aktuell soll das Dach repariert werden. Morsche Latten werden ausgetauscht, Bitumenbahnen darüber verlegt und verschweißt. Am Ende kehren die Schüler alles sorgsam zusammen. Bald soll der Waggon noch einen neuen Anstrich bekommen. Dann kann er auch wieder als Ausstellungsort genutzt werden. Die Schüler wollen ihn wieder mit Erinnerung füllen, um ihn als Gedenkort zu erhalten.

Ein Stück Geschichte zum Anfassen

Sebastian Kehl, der auch nach seinem Schulabschluss in der AG aktiv ist, erklärt: "Der Eisenbahnwaggon ist ja ein Stück Geschichte. Aus Büchern oder aus Filmmaterialien zu lernen, ist vielfältig möglich. Aber etwas zu haben, etwas anfassen zu können, was tatsächlich aus dieser Zeit stammt, ist so nicht überall möglich. Deswegen ist auch dieser Eisenbahnwaggon Mahnung und Bildungsstätte zugleich." Nach ihrer Lesung geht Eva Umlauf über den Schulhof und bleibt vor dem Wageb stehen. "In so einem Waggon sind wir nach Auschwitz gekommen. Deshalb macht mir die heutige Zeit Angst. Ich weiß, wie das ist, mit einer Nummer rumzulaufen und keine Familie zu haben. Das war und das kann sich wiederholen. Die Jugend kann das verhindern."

Dieses Thema im Programm:
NDR 1 Radio MV | Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern | 01.04.2025 | 19:30 Uhr