
Hamburg Niedersachsen Schleswig-Holstein Mecklenburg-Vorpommern So hart treffen Trumps Zölle die Wirtschaft im Norden
Verbreitetes Entsetzen, nur vereinzelte Gelassenheit: Am Tag nach den Zoll-Ankündigungen von Trump herrscht im Norden Unruhe. Experten befürchten massive Folgen für Unternehmen, die ihre Produkte in die USA verkaufen. VW hat bereits Maßnahmen ergriffen.
Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher hat sich für Gegenmaßnahmen gegen die vom US-Präsidenten angekündigten Zölle ausgesprochen. "Das, was Donald Trump verkündet hat in dieser Nacht, ist ein schwerer Einschnitt für den freien Handel und er darf nicht ohne Antwort bleiben", sagte der SPD-Politiker.
Für den Hamburger Hafen sind die USA der zweitwichtigste Handelspartner. Der Export hatte zuletzt zugelegt. Waren im Wert von knapp acht Milliarden Euro wurden in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres von Hamburg aus in die USA exportiert. Zum Vergleich: China kommt im gleichen Zeitraum nur auf rund 6,5 Milliarden Euro. Auch der Flugzeugbauer Airbus liefert von Finkenwerder aus viele Maschinen und Flugzeug-Teile in die USA.
"Hamburg ist als führender Außenhandels-Standort auf freien und verlässlichen Handel angewiesen", sagt Malte Heyne, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer. Besonders schwer wiege nach der Ankündigung von Zöllen nun der Vertrauensverlust. Heyne ruft die EU dazu auf, sich handelspolitisch zu wehren - und gleichzeitig wettbewerbsfähiger zu werden, etwa durch den Abbau von Bürokratie.
Hapag-Lloyd: "Das wird Auswirkungen haben"
Die Reederei Hapag-Lloyd mit Sitz in Hamburg sieht die neuen Zölle mit Sorge. "Das wird Auswirkungen haben auf Ladungsströme, auf die Nachfrage und die Kosten", sagte Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen am Donnerstag. In der Folge könnte sich Deutschlands größte Container-Reederei gezwungen sehen, ihre Flotten-Dienste anzupassen. Hapag-Lloyd ist traditionell stark vertreten auf den Nordamerika-Linien. Der Hamburger Hafenlogistiker HHLA sprach von einem Tiefschlag für die Wirtschaft.
Kritik an den neuen Zöllen kommt auch von der Industrie- und Handelskammer (IHK). Hagen Goldbeck, Vorsitzender der IHK Nord, sprach von einem falschen Signal "für die transatlantischen Beziehungen und vor allem für unsere exportorientierte norddeutsche Wirtschaft." Goldbeck betonte: Europa müsse seine wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit stärken. Das bedeute "weniger Bürokratie, mehr Innovation, eine sichere und bezahlbare Energie-Versorgung".
Niedersachsen: "Zölle werden schmerzhafte Spuren hinterlassen"
Auch in Niedersachsen zeigen sich Verbände besorgt. "Die Wirtschafts- und Zollpolitik unter US-Präsident Trump hat in den letzten Wochen erhebliche Verunsicherung in der niedersächsischen Wirtschaft ausgelöst", sagte Maike Bielfeldt als Hauptgeschäftsführerin der IHK Hannover. "Die auf Deutschland zielenden neuen Zölle werden bei uns schmerzhaft spürbare Spuren hinterlassen."
Mit einem Exportvolumen von 7,3 Milliarden Euro im Jahr 2024 gehören die USA laut IHK für die niedersächsische Wirtschaft zu den drei wichtigsten Handelspartnern weltweit. "Die Europäische Union muss nun klare Kante zeigen und Zeichen mit deutlichen Wirkungstreffern setzen", fordert Bielfeldt. "Wirtschaftliches Wachstum auf beiden Seiten ist nur in einem fairen Miteinander möglich."
Auch die Gewerkschaft IG Metall warnt vor negativen wirtschaftlichen Folgen für Niedersachsen durch den "Trump’schen Zollwahnsinn". "In Niedersachsen betrifft das in besonderem Maße die Automobil-Industrie und den Maschinenbau", sagt Jan Mentrup von der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.
Medienbericht: Volkswagen stoppt Schiffe in die USA
Laut einem Medienbericht will Volkswagen in seinen US-Autohäusern die neuen Autozölle in Höhe von 25 Prozent, die seit heute gelten, auf den Preisschildern ausweisen. Bei Fahrzeugen soll auf eine mögliche "Importgebühr" hingewiesen werden. Das berichtet das "Wall Street Journal" unter Berufung auf eine interne Mitteilung an die Händler. Zur Höhe des Aufschlags und ab wann er gelten soll, machte VW noch keine Angaben.
Dem Bericht zufolge hat VW zudem die Auslieferung von Fahrzeugen aus dem mexikanischen Werk Puebla, die per Bahn in die USA gehen, vorübergehend gestoppt. Autos, die per Schiff aus Europa kommen, würden vorerst in den Häfen zurückgehalten, bis sich die Zollsituation stabilisiert habe. Fahrzeuge, die bereits vor Inkrafttreten der Zölle in die USA importiert wurden, sind nicht von dem Aufschlag betroffen. Im Jahr 2024 verkaufte die Kernmarke Volkswagen knapp 380.000 Neuwagen in den USA. Das entspricht acht Prozent des weltweiten Absatzes. Knapp zwei Drittel der in den USA verkauften VW-Autos wurden importiert, die meisten aus Mexiko. Das Nachbarland Mexiko gehört nicht zu den Ländern, gegen die sich die zusätzlichen Import-Aufschläge richten. Die elektrischen Modelle ID.4 und ID.7 am Standort Emden werden ausschließlich für den europäischen Markt produziert.

Offenbar hat VW den Transport von Autos per Schiff in die USA vorerst gestoppt. (Archiv-Foto)
Experte: "In den USA werden die Preise nicht sofort steigen"
Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer geht davon aus, dass die Preise in den US-Autohäusern nicht sofort steigen. "Für die nächsten zwei Monate tut sich da gar nichts, denn die Händler haben große Fahrzeug-Bestände, die teilweise noch aufgefüllt wurden, um für Zölle gerüstet zu sein." In drei Monaten müsse man dann sehen, was passiert. Auch dann rechnet Dudenhöffer aber nicht damit, dass die Preise im gleichen Maß wie die Zölle steigen. Die Hersteller würden das mit Rabatten oder anderen Verkaufsmaßnahmen verhindern, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Baumaschinen-Firma aus SH: "Am Ende leidet der amerikanische Kunde"
Marco Bartz sieht die neuen Zölle eher gelassen. Er ist Geschäftsführer bei Bagela Baumaschinen GmbH & Co. KG aus Kaltenkirchen. Seine Firma exportiere zwar etwa zehn Prozent ihrer Produktion in die USA. Er erwarte von den Zöllen aber keine größere Auswirkung, da Bagela eine Nische mit Spezialmaschine besetze, für die es kaum eine Konkurrenz gebe. "Am Ende leidet der amerikanische Kunde, weil Bagela die Preise entsprechend nach oben setzen wird", sagt Bartz.
"Schlechte Zeiten für Agrar-Exporteure aus Schleswig-Holstein"
Andere Betriebe wird es voraussichtlich härter treffen, auch im nördlichsten Bundesland. "Die USA sind ein wichtiger Handelspartner für Schleswig-Holstein", sagt Rolf Langhammer vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. "Das heißt: Schleswig-holsteinische Exporteure werden unter diesen Zöllen deutlich leiden - zum Beispiel die Pharmabranche und vor allem die Agrar-Branche. Denn bei Nahrungsmitteln hat die EU einen doppelt so hohen Zoll wie die USA. Und das könnte für Trump ein Grund sein, dass er insbesondere die amerikanische Agrar-Wirtschaft stützen möchte. Und das bedeutet eben schlechte Zeiten für Agrar-Exporteure aus Schleswig-Holstein."

US-Präsident Trump hat sich für verschiedene Länder ganz unterschiedliche Zölle ausgedacht.
MV: Unternehmen "in einer Art Schockstarre"
Für Mecklenburg-Vorpommern sind die USA das wichtigste Exportland. Im vergangenen Jahr wurden Waren im Wert von 743 Millionen Euro in die USA exportiert. Die wichtigsten waren Schnittholz, unedle Metalle sowie Eisen-, Blech- und Metall-Waren. Landesweit sind nach Einschätzung des Hauptgeschäftsführers der IHK Neubrandenburg, Torsten Haasch, mindestens 100 Unternehmen direkt betroffen. Und indirekt, zum Beispiel im Zulieferer-Bereich, seien es noch deutlich mehr. "Die Unternehmen stehen in einer Art Schockstarre", sagte Haasch dem NDR. Es herrsche große Ratlosigkeit. Die Hoffnung auf eine Einigung mit den USA liege jetzt auf der EU.
"Die EU muss die Daumenschrauben anziehen"
Europa-Politikerin Anna Cavazzini (Grüne) bezeichnete im Interview mit NDR Info die von Trump angekündigten, weltweiten Zölle als "Wahnsinn". "Die Europäische Union wird sehr hart getroffen", so Cavazzani. Vor allem aber werde die US-Wirtschaft leiden. "Die Zölle werden in den USA eine wirtschaftliche Katastrophe hervorrufen." Die EU müsse nun "die Daumenschrauben anziehen, damit wir Trump zum Umdenken bringen". Denkbar sei beispielsweise auch eine Digitalsteuer. Die Europa-Politikerin spricht sich dafür aus, die großen US-Tech-Unternehmen, die Trump unterstützen, ins Visier zu nehmen. "Die Unternehmen würden sich dann von Trump abwenden und ihn hoffentlich auch beeinflussen können."
Von der Leyen: Schwerer Schlag für die Weltwirtschaft
US-Präsident Donald Trump hatte neue Zölle von zehn bis 49 Prozent für Handelspartner weltweit angekündigt. Importe aus der Europäischen Union werden mit Aufschlägen von 20 Prozent belegt, solche aus China mit 34 Prozent, wie Trump in Washington sagte. Als "Mindestsatz" für die neuen US-Zölle nannte Trump zehn Prozent. Dies trifft nach einer Aufstellung des Weißen Hauses etwa Großbritannien, Brasilien, Australien und die Türkei.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einem "schweren Schlag für die Weltwirtschaft". Trump behauptet, die neuen US-Aufschläge würden Arbeitsplätze in die Vereinigten Staaten zurückholen und die eigene Wirtschaft ankurbeln.
Dieses Thema im Programm:
NDR Info | NDR Info | 03.04.2025 | 19:00 Uhr