
Brandenburg Berlin Wie sich die Arbeit der Ortsverbände durch viele Neumitglieder verändert
Rund um die Bundestagswahl hat die Linke in Berlin und Brandenburg eine Eintrittswelle junger Menschen erlebt. Nun beginnt die politische Graubrot-Arbeit. Was passiert, wenn neue Ideen auf alte Strukturen stoßen? Von J. Wintermantel, J. Gunser und J. Barke
Langsam füllt sich der Rosa-Luxemburg-Saal im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin-Mitte. 60 Neumitglieder der Linken kommen hier an einem Mittwoch zusammen, trotz des Streiks bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Die Linke veranstaltet die Treffen in diesen Tagen regelmäßig. Die Nachfrage ist groß.
"Uns sind die Mitglieder-Ausweise ausgegangen, das ist ein Signal dafür, dass wir nicht mit so einem Andrang gerechnet haben", sagt Maximilian Schirmer, der Berliner Landesvorsitzende der Linken. "Jede zweite Person im Landesverband ist komplett neu. Das heißt, ihr kommt in einer wahnsinnig spannenden Zeit – wir sprechen in der Partei von der dritten großen Erneuerung."

Eintrittswelle bei der Linken
Die Linke verzeichnet einen Mitgliederrekord: Mitte März sind es nach Angaben der Partei knapp 110.000 Mitglieder bundesweit - so viele wie noch nie. In den Berliner Landesverband sind allein in diesem Jahr mehr als 6.700 Menschen neu beigetreten (Stand: 25. März 2025) - mehr als dreimal so viel wie im gesamten letzten Jahr.
Auch andere Parteien melden bundesweit Zuwächse [tagesschau.de]. Doch der Blick auf die Zahlen zeigt: In der Region Berlin und Brandenburg ist keine andere der derzeit in den beiden Landesparlamenten vertretenen Parteien so beliebt bei jungen Menschen wie die Linke. Bei der SPD zum Beispiel ist der Anteil der Neumitglieder unter 35 Jahren zuletzt sowohl in Berlin als auch in Brandenburg gesunken. Gleiches gilt für die Grünen, auch wenn deren Beitrittszahlen insgesamt in beiden Bundesländern zuletzt gestiegen sind. Bei der Brandenburger AfD ist der Anteil der Neumitglieder unter 35 seit 2020 zwar gestiegen, aber lag 2024 mit 14 Prozent noch weit unter dem der Linken, der in Brandenburg bei 72 Prozent und in Berlin bei 75 Prozent liegt.

Julia Köppe formuliert sehr klar ihre Motivation für den Eintritt in die Linke: "Ich wollte dem Rechtsruck entgegenwirken."
Parteieintritt als Zeichen gegen Rechtsruck
Eines der jungen Neumitglieder der Linken ist die Brandenburgerin Julia Köppe aus Wittenberge (Prignitz). Im Februar ist sie der Partei im Kreisverband beigetreten. "Bisher bin ich gar nicht mit Politik in Kontakt gekommen", sagt die 32-Jährige. Viele ihrer persönlichen Kontakte in der Prignitz seien AfD-Anhänger, ihre Heimatstadt sei "sehr blau". Die Wiederwahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, seine Verbindung zu Tech-Milliardär Elon Musk und AfD-Partei- und Fraktionschefin Alice Weidel machen ihr Angst. "Ich wollte dem Rechtsruck entgegenwirken, ich konnte nicht mehr zu Hause sitzen."
Eine Motivation, die auch der Berliner Falk auf dem Neumitglieder-Treffen im Karl-Liebknecht-Haus ähnlich beschreibt. "Der Umschwung kam bei mir Anfang Januar wegen Merz", sagt der 32-Jährige und bezieht sich damit auf den Auftritt von CDU-Chef Friedrich Merz im Bundestag und den Unions-Antrag zur Verschärfung der Migrationspolitik, der durch Stimmen der AfD eine Mehrheit bekam. "Da hat es bei mir Klick im Kopf gemacht", so Falk.
Polarisierung nimmt zu
Den Politikwissenschaftler und Parteienforscher Jan Philipp Thomeczek von der Universität Potsdam überrascht diese Motivation für Parteieintritte nicht. Die multiplen Krisen und Zukunftsängste sorgten für starke Mobilisierungswellen, insbesondere bei jungen Menschen, die die politische Zukunft noch vor sich haben, so der Wissenschaftler. Je mehr um Konsens gerungen werde, desto stärker würden dabei aber auch die Pole. "Wenn ich eine Position besonders ablehne und diese verhindern möchte, zum Beispiel die AfD, dann motiviert es viele Leute, in Parteien einzutreten und etwas zu unternehmen."
So eine extreme Polarisierung, wie wir sie aktuell erleben, habe es seit der Wiedervereinigung nicht gegeben. Zudem gebe es eine geschlechtsspezifische Hinwendung zu Parteien, so Thomeczek: "Junge Frauen haben stärker die Linke gewählt, junge Männer stärker die AfD." Das habe sich schon 2021 abgezeichnet, aber weniger radikal: Damals wählten Frauen mehr die Grünen, Männer mehr die FDP.

Die ersten politischen Schritte
Doch wie nachhaltig sind die Parteieintritte, die davon geleitet sind, sich gegen etwas zu positionieren? Wie gelingt es Parteien, ihre neuen Mitglieder zu integrieren? Wo könnten Spannungsfelder zwischen alten Strukturen und frischem Wind entstehen?
Einige Tage nach dem Neu-Mitglieder-Treffen der Linken im Karl-Liebknecht-Haus kommt Falk das erste Mal mit seinen neuen Genossen der Basisorganisation (BO) Gesundbrunnen im Wedding zusammen. Erstes Ziel: Orientierung finden. "Es gibt sehr viele AGs, bei denen man sich engagieren kann, es wirkt fast ein bisschen viel", sagt Falk. Noch ist der 32-Jährige ein wenig überfordert von der Parteistruktur.

Gekommen, um zu bleiben?
Miriam und Franz sind schon länger bei der Linken im Wedding dabei. Ihnen schlägt Falk eine konkrete Idee vor: Er will für seinen Stadtteil, den Wedding, ein Repair-Café eröffnen. Als Student der Humanoiden Robotik bastelt er gern und ist technikaffin. Die beiden Bezirkspolitiker:innen wollen motivierte Mitglieder wie ihn halten - auch, nachdem das Wahlkampf-Hoch langsam abgekühlt ist. "Man kann nicht alle einfangen", sagt Miriam. Doch sie hofft, dass sie vielen mit Informationen helfen kann, damit ihre Ideen in Bewegung kommen.
Parteienforscher Thomeczek unterteilt bei Neueintritten in Parteien drei Gruppen: die passiven Neumitglieder, diejenigen, die sich für ihren Wahlkreis und die Themen aus der Nachbarschaft engagieren und diejenigen, die mit dem Parteieintritt auf eine politische Karriere hoffen.
Auch wenn nicht alle langfristig über den Parteieintritt hinaus politisch mitwirken werden, Thomeczek hält die Eintrittswelle bei den Parteien erst einmal für ein positives Zeichen für die Demokratie: "Wir leben in einer Parteiendemokratie. Lange gab es zu wenig Menschen in Parteien. Wenn sich das jetzt ändert, ist das gut", so der Parteienforscher. Umso mehr junge Menschen dazu gehörten, desto besser würden ihre Interessen auch politisch vertreten.

Der Kreischef der Prignitzer Linken, Thomas Domres, würdigt das Engagement von Neumitglied Julia Köppe und erinnert sich an seine eigenen holprigen Anfänge in der politischen Arbeit.
Linke schied 2024 aus Brandenburger Parlament aus
Die Wittenbergerin Julia Köppe ist direkt nach ihrem Eintritt bei den Linken im Februar in die Vollen gegangen: Vor der Bundestagswahl hat sie im Wahlkampf geholfen, Flyer in der Fußgängerzone von Perleberg verteilt. Dem Linke-Kreisvorsitzenden der Prignitz, Thomas Domres, imponiert das. "Ich war richtig tief beeindruckt, weil ich weiß, wie schwer es mir gefallen ist, meinen ersten Infostand zu machen", sagt Domres, der 25 Jahre für die Linken im Brandenburger Landtag saß. Mit der Landtagswahl im September war damit Schluss: Nur noch drei Prozent holte die Linke und ist seitdem nicht mehr Teil des Parlaments.
Trotz des Misserfolgs will Julia dabei bleiben. Ihr Thema: Gegen den Wohnungsmangel und gegen den Leerstand in ihrer Heimat vorgehen. In der Wittenberger Innenstadt zeigt sie, was sie stört: "Hier in der Bahnstraße war mal unser Einkaufszentrum. Wegen der teuren Mieten musste alles schließen. Seit fast einem Jahrzehnt steht dieser Block jetzt ausgestorben herum, ich finde das ist ein Schandfleck." Sie möchte sich jetzt in die Parteiarbeit "reinfuchsen", um zu schauen, wie sie das Problem kommunalpolitisch anpacken kann.
Doch wenn viele junge Neumitglieder auf eine ältere Parteienstruktur treffen, kann es auch zu Spannungen kommen, sagt Politikwissenschaftler Thomeczek. Als Beispiel nennt er die Grünen: "Da ist es interessant, zu beobachten, wie sich die Partei seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine verändert hat. Sie spricht sich jetzt mehrheitlich für Aufrüstung aus, sodass der ehemals starke friedenspolitische Flügel in den Hintergrund gerückt zu sein scheint." Themen wie Klimaschutz, Ukraine-Krieg und Geschlechtergerechtigkeit könnten auch bei einer Partei wie der Linken Zündstoff bergen, sagt Thomeczek.

Utopien treffen auf Realität
Auch die Linke-Basisorganisation im Wedding wird durch den Boom an Neumitgliedern verändert. Ein solcher Zulauf sei verbunden mit Herausforderungen, bestätigt Miriam. Eine davon ist etwa, inspirierende Ideen wie die von Falks Repair-Café auf den Weg bringen, ohne dass sie durch die bürokratischen Strukturen versanden. "Ich finde den Vorschlag von dir total gut. Man muss nur schauen, ob es Räume dafür gibt. Oder ob es solche Initiativen schon gibt, mit denen man sich zusammen tun kann", bremst Linke-Mitglied Franz ein wenig.
Auch Julias Anregung, den Leerstand in Wittenberge zu bekämpfen, trifft auf die harte politische Realität, als Kreischef Domres ihr von den ungünstigen Rahmenbedingungen erzählt: "Die Haushalte sind mehr als angespannt. Die Eigentumsverhältnisse sind ein Problem. Manche Wohnungsgesellschaften sind noch mit Altschulden belastet."
Jung, weiblich, angefeindet
Und auch auf einem anderen Feld musste Julia sich schon mit der traurigen Politik-Realität auseinandersetzen: Gerade im ländlichen und kommunalen Raum sind Politiker:innen oft Anfeindungen ausgesetzt. In den sozialen Medien musste sie Kommentare lesen wie "linker Faschismus", beim Flyer-Verteilen sei sie manchmal verachtend angeschaut worden.
Doch noch nimmt sie diese Affronts gelassen: "Wenn man sich in der Kommunalpolitik engagiert, muss man immer mit Gegenwind rechnen, egal in welcher Partei." Angst, insbesondere als Frau angefeindet zu werden, habe sie nicht. "Ich kann damit leben, wenn ich Paroli geboten bekomme." Sorgen mache sie sich nur, dass es auf ihre Kinder übertragen werden könne.

Auf Empfehlung in der AG der BO
Dranbleiben wollen die Neu-Linken Falk und Julia trotzdem. Für sein Repair-Café gilt es für Falk nun, in seinem Kiez Gleichgesinnte zu treffen. Genoss:innen seiner BO wollen ihm dabei helfen, wie er danach mit anderen eine Untergruppe erstellt. Struktur ist die halbe Politik-Arbeit.
Julia engagiert sich zunächst auf Empfehlung von Thomas Domres in einigen der neu gegründeten Arbeitsgruppen. "Wir haben eine AG 'Social Media und Öffentlichkeitsarbeit' gegründet und andere AGs, bei denen wir glauben, dass junge Menschen Lust haben mitzumachen", sagt der Kreisvorsitzende. Die 32-Jährige hat sich zudem entschieden, bei der Betreuung der nächsten Neumitglieder zu helfen.
Sendung: rbb24 Abendschau und Brandenburg Aktuell, 01.04.2025, 19:30 Uhr