
Brandenburg Berlin Gewalt gegen Polizeibeamte: Es kann jeden Tag eskalieren
Immer öfter kommt es in Berlin und Brandenburg zu Angriffen auf Polizisten. Zwei Beamte aus der Region beklagen, dass das Verständnis für ihre Arbeit verloren gegangen sei. Sie berichten zudem, dass auch einfache Kontrollen ausarten. Von Philipp Rother
Auf den Straßen in Berlin und Brandenburg ist es rauer geworden - zumindest für Polizistinnen und Polizisten.
In der Hauptstadt wurden im Jahr 2024 insgesamt 10.584 Polizeibeamte im Dienst Opfer einer Gewalttat - etwa pro Tag im Schnitt. Das geht aus der Kriminalstatistik hervor. Von den geschädigten Beamten wurden 1.826 körperlich verletzt, neun von ihnen schwer. Die Berliner Innensenatorin Iris Spranger (SPD) bezeichnete die Situation zuletzt als "besorgniserregend".
"Jeden Tag kann alles passieren"
"Wir wissen nie, was uns erwartet in dieser Stadt - jeden Tag kann alles passieren", sagt Arne Jochens im Gespräch mit dem rbb. Er arbeitet seit 2001 bei der Berliner Bereitschaftspolizei. Vor allem bei Demonstrationen herrsche mittlerweile große Gefahr für die Beamten. "Weil die Polizei dort, ich sage es mal ganz vorsichtig, nicht ganz so gerne gesehen ist", sagt der 46 Jahre alte Zugführer. Auch in der Berliner Kriminalstatistik [berlin.de] ist der Zusammenhang zwischen "gewalttätig verlaufenden Demonstrationen" und Angriffe auf Polizisten vermerkt. Konkrete Zahlen gibt es aber nicht.
Die Bereitschaftspolizei kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn viel Personal nötig ist, beispielsweise wenn Großveranstaltungen wie Demonstrationen abgesichert werden müssen. Sie sichert aber auch Staatsbesuche und internationale Treffen ab. Die sogenannten Hundertschaften der Bereitschaftspolizei werden aber auch zu Fußballspielen geschickt, insbesondere zu solchen mit erhöhtem Gefahrenpotenzial. Auch bei Großlagen und speziellen Durchsuchungen sind sie zuständig. "Wir sind überall dort im Einsatz, wo es gefährlich werden kann", sagt Jochens.
Silvesternacht laut Jochens besonders brisant
Besonders brisant sei in Berlin mittlerweile die Silvesternacht, sagt Jochens. "Die Gewalt in dieser Nacht, gezielt gegen Polizisten und Einsatzkräfte, ist deutlich mehr geworden. Wir gehen da in den Einsatz und wissen schon, dass es knallen wird."
Die Zahlen sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache. Zum Start in das Jahr 2023 wurden laut Polizei 40 Beamte angegriffen, 34 seien verletzt worden. Schon damals verzeichnete die Behörde "massive Angriffe" im gesamten Stadtgebiet, "die in ihrer Intensität mit den Vorjahren nicht zu vergleichen sind."
In der vergangenen Silvesternacht wurden den den Angaben zufolge 58 Polizisten und Polizistinnen angegriffen. Dabei seien 17 Beamte verletzt worden, acht davon durch Pyrotechnik. Besonders schwer traf es einen Polizisten, der durch eine Kugelbombenexplosion schwer verletzt und dreimal operiert wurde. Martin Hikel (SPD), Bezirksbürgermeister Berlin-Neukölln, kritisierte im ZDF, dass viele Menschen "doch sehr wild feiern, ein bisschen, als wäre man hier in Kriegsgebieten".

Polizeivollzugskräfte als Opfer von Gewalttaten
Verständnis für die Arbeit der Polizei sei verloren gegangen
Solche Einsätze habe es vor 20 Jahren natürlich auch schon gegeben, berichtet Jochens. Es seien über das Jahr verteilt aber nur einige wenige gewesen. "Mittlerweile ist die Schlagzahl deutlich höher, und immer öfter spielen dabei auch scharfe Waffen eine Rolle."
Der größte Unterschied aus Sicht von Jochens: "Früher konnte ich im Einsatz mit jedem Menschen reden, egal ob rechts oder links, ich konnte teils auch deren Sichtweise nachvollziehen. Mittlerweile geht es nur noch darum, uns zu provozieren, uns aus der Reserve zu locken." Daher sei er auch misstrauischer geworden, so Jochens. Er ist der Meinung, dass das Verständnis für die Arbeit der Polizei verloren gegangen ist. Genauso wie der Respekt vor den Einsatzkräften. Die Statistiken zeigen, dass die Angriffe auf Polizisten seit 2019 (6.656 Attacken) sukzessive gestiegen sind. Aktuell ist die Zahl am höchsten.
Innenministerin Lange verurteilt Entwicklung scharf
Auch in Brandenburg hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verschärft. Dort wurden 2024 laut Kriminalitätsstatistik [mik.brandenburg.de/pdf-Datei] insgesamt 1.492 Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte registriert. Dabei wurden 2.972 Polizeibeamte als Opfer gezählt - und damit 186 mehr als im Vorjahr. Umgerechnet bedeutet das, dass in Brandenburg etwa acht Polizisten pro Tag angegriffen wurden. In über 86 Prozent der Fälle handelte es sich um Widerstand oder tätliche Angriffe. Ein Polizist wurde dabei schwer verletzt. Noch nie waren die Zahlen höher.
Innenministerin Katrin Lange (SPD) verurteilt diese Entwicklung scharf, auch sie nutzt das Wort "besorgniserregend". Sie betont, dass Menschen, die anderen helfen würden, nicht zur Zielscheibe von Gewalt und Bedrohungen werden dürften.

Angriffe laut Polizist mittlerweile Alltag
"Als ich bei der Polizei anfing, war das immer ein großes Thema, wenn ein Polizist angegriffen wurde, wenn es Widerstand gegen einen Vollstreckungsbeamten gab", berichtet Philipp Klein im Gespräch mit dem rbb. Das sei im Kollegenkreis immer ein riesiger Aufreger gewesen. "Früher war das wirklich ein herausragendes Ereignis. Jetzt ist es normal, ist mittlerweile Alltag geworden – das ist schon ein großer Unterschied zu früher", stellt der 41 Jahre alte Beamte nüchtern fest. Er ist seit 2007 bei der Brandenburger Bereitschaftspolizei.
"Wir wissen nie, was uns genau am Einsatzort erwartet und wie der Gegenüber tickt", sagt Zugtruppführer Klein. Ende 2023 rückte die Polizei zu einem Einsatz im Dorf Vieritz im Havelland aus. Dort verschanzte sich ein Mann mehr als 30 Stunden in einem Haus - und schoss mehrfach auf Polizisten. Im Januar wurde ist ein Polizist aus Sachsen bei einem Einsatz in Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) getötet . Er wollte ein verdächtiges Fahrzeug kontrollieren und wurde von diesem erfasst.
Solche Einsätze sind keine Seltenheit mehr. "Es ist extremer geworden, wir müssen heute immer darauf vorbereitet sein, dass Gewalt ausgeübt wird. Und wir nehmen auch wahr, dass es mehr geworden ist", so Klein.
2018 hatte es in Brandenburg 979 Attacken auf Polizeibeamte gegeben. Im Jahr danach wurden schon 1.262 Angriffe gezählt, 2.162 Polizisten wurden dabei Opfer von Straftaten. Die Polizei sprach damals von einem Höchststand. Seitdem sind die Zahlen kontinuierlich gestiegen. Widerstand gegen Polizeivollzugsbeamte mache den Hauptanteil der Fälle aus. Vielfach seien die Täter alkoholisiert, hieß es weiter.

Polizei bietet Schulungen und Vorträge an
"Ganz lapidare Kontrollen" würden heutzutage ausarten, berichtet Polizist Klein aus seinem Alltag: "Es kann jeden Tag eskalieren, auch aus nichtigen Gründen. Das war früher auch so, heute passiert es aber deutlich öfter." Die Gewaltbereitschaft gegenüber Polzisten sei in den vergangenen Jahren höher geworden. "Die Hemmschwelle ist gesunken, das ist Fakt - und daraus resultieren dann natürlich auch entsprechende Angriffe auf Polizistinnen und Polizisten."
Auch deutschlandweit sind die Angriffe auf Polizistinnen und Polizisten zuletzt gestiegen [tagesschau.de]. Seit 2017 ist nach Angaben des Bundeskriminalamtes ein kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen. 2023 wurden demnach insgesamt 46.218 Gewalttaten gegen Polizeikräfte registriert, ein Anstieg um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Dabei seien 105.708 Polizistinnen und Polizisten Opfer solcher Angriffe geworden, was einem Anstieg von fast zehn Prozent entspricht, hieß es weiter. Die meisten dieser Fälle waren Widerstandshandlungen und tätliche Angriffe, die 84,5 Prozent der Delikte ausmachten. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor. Durch gezielte Schulungen, Weiterbildungen und Vorträge versucht die Polizei mittlerweile die Beamten bestmöglich auf solche Vorkommnisse vorzubereiten.
Klein und Jochens würden trotz aller Widrigkeiten wieder zur Polizei gehen, sagen sie. Sie sehen den Job als Berufung. Ihren Kindern würden sie von dem Karriereweg auch nicht abraten. Klein ist aber "nicht unglücklich", dass seine Töchter andere Pläne haben. Jochens sagt augenzwinkernd: "Sie können gerne zur Polizei gehen, aber bitte nicht zur Berliner."