Archivbild: Pamela Biermann mit Wolf Biermann am 17.11.2021. (Quelle: IMAGO/Berlinfoto)

Berlin Wolf Biermann am Berliner Maxim Gorki Theater: Liebe als Voraussetzung für das Leben

Stand: 01.04.2025 10:59 Uhr

"Ach, die erste Liebe" war das Konzert überschrieben, das Wolf und Pamela Biermann im ausverkauften Maxim Gorki Theater gaben. Es ging um die Liebe, aber auch um Russland und Israel, um Angriff und Verteidigung. Ein Ereignis. Von Barbara Behrendt

Freudig hüpft der 88-jährige Wolf Biermann auf die Bühne und kann gar nicht anders, als direkt die Weltlage zu kommentieren: "So sieht man sich wieder. 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Und so kurz vor dem dritten".
 
Das mag zunächst wenig mit dem Titel des Abends "Ach, die erste Liebe…" zu tun haben, hängt aber eng zusammen. Künstlerisch beginnt Biermann mit einem Shakespeare-Sonett: Der Liebende darin bleibt nur deshalb in der schrecklichen Welt, weil er sein "Liebchen" nicht im Stich lassen möchte. Liebe, so Biermann, sei die Voraussetzung, um es auf dieser Welt auszuhalten.

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Lieder von Liebe und Krieg

Damit ist der rote Teppich für Pamela Biermann bereitet, Wolf Biermanns Ehefrau seit mehr als 35 Jahren. Gemeinsam geben sie dieses Konzert im ausverkauften Maxim Gorki Theater. Die Liebeslieder, die sie zusammen singen, haben stets einen doppelten Boden. "Zeit der Kirschen" etwa, "Le Temps des Cerises" ist eine "Liebesschnulze", wie Biermann sagt, die jedoch von der Pariser Kommune zum Protestlied umgedeutet wurde. Und auch der Titelsong "Ach die erste Liebe ..." vom russischen Regimekritiker Bulat Okudshava handelt zwar von der ersten, zweiten, dritten Liebe – aber gleichermaßen vom ersten, zweiten, dritten Krieg: "Ach, beim ersten Krieg, da hat keiner Schuld. Und beim zweiten Krieg, da hat einer Schuld. Aber der dritte Krieg ist schon meine Schuld, meine Mordsgeduld".
 
Es stehen auch Biermanns eigene Lieder auf dem Programm. "Wann ist denn endlich Frieden" etwa: "Es sind nicht die Ketten, es sind nicht die Bomben, es ist ja der Mensch, der den Menschen bedroht". Doch vorrangig ist der Abend eine musikalische, historische, politische Zeitreise vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in Biermanns Zeiten. Mit sowjetischen Soldatenliedern, mit jiddischen Volksliedern, mit Brechts Kinderhymne. Dabei singen die Biermanns diese Lieder nicht nur, sondern erzählen stets ihre Geschichte mit, verorten sie ins Weltgeschehen und machen das Konzert so zu einer weit aufgefächerten Geschichtsstunde.

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Nahost, Russland und die Ukraine

Kaum ein Sänger und Dichter ist mit der deutsch-deutschen Geschichte so eng verbunden wie Wolf Biermann. Seine Ausbürgerung aus der DDR 1976 war eine historische Zäsur. Und bis heute ist der gebürtige Hamburger Liedermacher eine wichtige Stimme in den politischen Debatten unserer Zeit. Sowohl er als auch seine Frau
 
kommentieren an diesem Abend die Weltlage. Ein Lied widmet Pamela Biermann jenen Freunden in Israel, "die für die Demokratie in ihrem Land kämpfen, die von innen heraus bedroht" werde. Und beklagt zugleich das Leid der Palästinenser:innen.
 
Wolf Biermann dagegen äußert sich bei seinem Lied "Soldat, Soldat" indirekt zum Angriffskrieg Russlands in der Ukraine: "Ich kann doch gar kein Pazifist sein, konnte ich nie sein. Ich lebe doch überhaupt nur, weil amerikanische, britische, französische Soldaten gekämpft haben gegen dieses Heil-Hitler-Volk. Und wenn sie es nicht gemacht hätten, würde ich doch gar nicht leben, als kleines Juden- und Kommunistenkind. Wir wissen schon den Unterschied zwischen Verbrecherkriegen und Verteidigungskriegen. Das ist nicht dasselbe".

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Deutsche Demokratie

Beim Thema deutsche Demokratie gibt’s dann einen kleinen, augenzwinkernden Schlagabtausch auf der Bühne. "Wir müssen aufpassen, dass wir den AfD-Sprech nicht übernehmen. Wir leben in einer wunderbaren Demokratie", so Pamela Biermann, bevor ihr Mann sie unterbricht. "Wunderbar ist ein bisschen übertrieben. Lebendige Demokratie, darauf können wir uns einigen! Dann sing ich auch mit dir. Sonst nicht!"
 
Die Stimmung ist das Schönste an diesem Abend. Das Paar geht so entspannt und liebevoll miteinander um, als säßen sie mit ein paar Freunden ums Lagerfeuer. Immer mal wieder wird Biermanns "Freund" Joachim Gauck in der ersten Reihe angesprochen und die Bürgerrechtlerin Marianne Birthler daneben.
 
Um musikalische Perfektion geht es gerade nicht. Biermann verspielt sich, fängt neu an, vergisst ein paar Akkorde. Ein Fingernagel reißt ein, was für seine Art des Gitarrenspiels äußerst hinderlich ist. Und er? Holt eine Nagelfeile aus einem kleinen Etui und beginnt zu feilen, während seine Frau mit einer Geschichte überbrücken muss. Das wirkt nicht kokett oder peinlich, sondern menschlich, nahbar, komisch.

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Die Freunde helfen aus

Aus den kleinen Fehlern ergeben sich die schönsten Momente. Als Biermann beim sowjetischen Soldatenlied "Rabe Rabe" durcheinanderkommt, sagt er: "Am besten kann dieses Lied Matti Geschonneck singen, der Filmregisseur". Und der kommt dann tatsächlich spontan, soweit man das beurteilen kann, auf die Bühne, und singt das Lied textsicher auf russisch. Wenn man nicht mehr weiterweiß, helfen im besten Fall die Freunde aus.
 
Alle an diesem Abend, so wirkt es, sind froh, zu dieser warmherzig besungenen Publikumsgemeinschaft zu gehören. Es ist ein Ereignis. Ein Konzert, das ein ganzes Jahrhundert aufblättert und gerade in der Traurigkeit der Lieder, im Nichtschönfärben der Dinge, tröstlich ist. Lange Standing Ovations – und ein Wolf Biermann, der vor Freude, Rührung, Spaß an der Musik kaum mehr von der Bühne zu kriegen ist.

Sendung: rbb24 Inforadio, 01.04.2025, 08:54 Uhr