Archivbild: Hans Rosenthal, 01.01.1981 (Quelle: dpa/Lindinger)

Berlin Interview | 100. Geburtstag Hans Rosenthal: "Ohne Zweifel wäre er entsetzt angesichts des Erstarkens rechter Kräfte"

Stand: 02.04.2025 06:07 Uhr

Hans Rosenthal hat in einem Versteck in Berlin den Holocaust überlebt. Später war er einer der größten Entertainer der Nachkriegszeit. Der Quizmaster wäre am 2. April 100 Jahre alt geworden. Seine Kinder erinnern sich an ihren Vater.

Hans Rosenthal war einer der bekanntesten TV-Persönlichkeiten Deutschlands – vor allem unvergessen als Erfinder der Kultshow "Dalli Dalli". Der gebürtige Berliner wurde zunächst als Hörfunkmoderator in den 1950er Jahren beim RIAS, in den 70er und 80er Jahren als Quizmaster im ZDF berühmt.
 
Rosenthals Leben war allerdings keineswegs so sonnig wie sein öffentliches Auftreten. Seine Familiengeschichte erzählte der Entertainer, der aus einer jüdischen Familie stammte, in seiner Autobiografie "Zwei Leben in Deutschland" (1980). Nach dem frühen Tod seiner Eltern kümmerte sich Rosenthal um seinen jüngeren Bruder Gert, der 1942 von den Nazis ermordet wurde. Als Jugendlicher musste er in Nazi-Deutschland zwei Jahre lang untertauchen und überlebte den Holocaust versteckt in einer Berliner Gartenlaube. 1987 starb Hans Rosenthal in Berlin. Am 2. April wäre Rosenthal 100 Jahre alt geworden. Der rbb hat mit seinen Kindern Birgit Hofmann und Gert Rosenthal gesprochen.

rbb: Frau Hofmann, Herr Rosenthal, was war das Wichtigste, dass Ihnen Ihr Vater mit auf den Weg gegeben hat?
 
Birgit Hofmann: Ich glaube, auf Leute zuzugehen, ohne Vorurteile zu haben. Das ist das, was er uns gelehrt hat.
 
Gert Rosenthal: Und dass alle Menschen gleich sind. Das war auch sein Ziel damals. Er sagte, "sollte ich das hier überleben, möchte ich zum Rundfunk gehen. Ich möchte allen Menschen zeigen, dass wir Juden nicht anders sind als andere Menschen". Und später hat er das ja nicht nur auf die Juden bezogen, sondern auf jegliche Unterschiede zwischen den Menschen. Er war davon überzeugt, dass wir alle gleich sind.

Hans Rosenthal als Moderator seiner Sendung "Dalli Dalli". Quelle: imago images/United Archives
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Was hat er in Ihrer Generation gesehen? Er sprach in einem Interview von einem besseren Deutschland, von einer Jugend, die anders aufgewachsen sei und ein ganz anderes Menschenbild habe.
 
Gert Rosenthal: Ich glaube, dass er damals die Hoffnung hatte, dass das rechte Gedankengut immer weiter zurückgedrängt wird. Denn seine größte Sorge war, dass es in Deutschland wieder einen Rechtsruck gibt.

Ihr Vater hat schon als Kind antisemitische Verfolgung in der NS-Zeit erfahren. Wie würde er heute auf Deutschland blicken, was wäre sein Rat, welche Haltung hätte er?
 
Birgit Hofmann: Ohne Zweifel wäre er entsetzt angesichts des Erstarkens rechter Kräfte. Ich glaube, er wäre nicht still geblieben. Er hätte seine Popularität dafür genutzt, um irgendwie Einfluss zu nehmen und Tacheles zu reden.
 
Gert Rosenthal: Er hätte sich wahrscheinlich gerade der jungen Leute angenommen und mit ihnen gesprochen. In seinem Buch gibt es eine Passage, wo er zur Toleranz aufruft, und das hätte er sicherlich auch in Gesprächen vermittelt.

Hans Rosenthal hat einen Teil seiner Familie im Holocaust verloren, er selbst musste etwa Zwangsarbeit leisten. Wie war er privat, abseits dieser positiven, freundlichen Energie, die er im Fernsehen ausstrahlte? War er melancholisch angesichts dessen, was ihm als Juden in der NS-Zeit widerfahren ist?

 
Birgit Hofmann: Ich habe ihn selten melancholisch erlebt. Er war aber auch kein großer Spaßvogel in der Familie. Also er hat uns nicht andauernd erheitert oder so. Er war so normal, wie man nur sein kann. Die traurigen Momente hat er wahrscheinlich eher mit sich selbst ausgemacht.
 
Gert Rosenthal: Er hat sehr viel gearbeitet. Er schrieb seine Sendung selbst. Von daher war genau eingeplant, wann er Zeit für uns hatte. Als ich kleiner war, hat er unheimlich gerne gespielt. Fußball, Kicker, Schach, Tischtennis, Doppelkopf, Skat, ganz egal. Später als wir größer wurden, hat er viel mit uns diskutiert.

Was war das Geheimnis seines Erfolgs, seiner Popularität?
 
Birgit Hofmann: Die Vorbereitung für seinen Erfolg lag sicherlich in den langen Lehrjahren beim Rundfunk. Dort konnte er viel ausprobieren, hatte Misserfolge und konnte aber auch aus ihnen lernen.
 
Gert Rosenthal: Er war jemand, der einen gewissen Charme hatte. Er hatte keine Hemmungen, auf große Künstler zuzugehen und mit ihnen zu sprechen. Er strahlte einfach eine positive Atmosphäre aus. Die Menschen fühlten sich bei ihm sicher, gerade bei den Fernsehsendungen.

Ihr Vater hatte 1980 seine Autobiografie "Zwei Leben in Deutschland" veröffentlicht. Wann hatte er sich Ihnen bezüglich seiner schrecklichen Erlebnisse in der Kindheit geöffnet?
 
Birgit Hofmann: Wir haben beide eigentlich immer gewusst, was er erlebt hat, wenn auch nicht in so großer Ausführlichkeit. Er hat uns immer vom guten Ausgehen dieser Dinge erzählt, so wie im Märchen, dass …
 
Gert Rosenthal: … alles ein gutes Ende nimmt. Das Buch war quasi die Wende. Danach ist er mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit getreten und auch wir haben mehr über ihn erfahren.

Er war sehr erfolgreich als Entertainer. Zu Beginn wollte er aber in eine ganz andere Richtung gehen. Hat er das vermisst?
 
Birgit Hofmann: Nachdem er in der NS-Zeit so viele Propagandasendungen gehört hatte, wollte er die Wahrheit verbreiten. Er wollte zum Rundfunk. Ursprünglich hat er vielleicht schon gehofft, dass er die Politik kommentieren könne, aber dann ist er eben in der Unterhaltung gelandet und ich glaube, dass er darüber nicht unglücklich war. Das kam ihm ja entgegen.
 
Gert Rosenthal: Ich glaube, er war der Auffassung, dass die Unterhaltung ihm viel mehr Möglichkeiten bietet, darzustellen, dass wir Juden nicht anders sind als andere Menschen.

Quizmaster Hans Rosenthal moderiert eine "Dalli Dalli"-Sendung im Jahr 1981 (Quelle: imago images/United Archives)

Hans Rosenthal als Moderator der Sendung "Dalli Dalli" 1981.

Wie war ihm das möglich, ein jüdischer Entertainer mit dieser Vergangenheit im Land der Täter zu sein?
 
Birgit Hofmann: Wir glauben, dass er wirklich sehr gern das Gute im Menschen gesehen hat, solange er nicht irgendetwas Gegenteiliges erfahren hat. Und das ist ja auch eine Gabe.

Wie wurde das aufgefasst, wenn er aus der Entertainer-Rolle ausgebrochen ist und eine politische Stellungnahme gemacht hat?
 
Gert Rosenthal: In dem Moment, wo mein Vater politische Äußerungen bei "Dalli Dalli" machte, wurde er darauf hingewiesen. Und das auch schriftlich, als eine Art Abmahnung, dass er gegen die Neutralitätspflicht des Senders verstoßen würde, dass damit der Staatsvertrag gefährdet sei und er sich bitte daran zu halten habe, keinerlei politische Äußerungen zu machen.

Archivbild: Besiegte deutsche Soldaten laufen durch das Brandenburger Tor am  02.05.1945. (Quelle: IMAGO/Temin)
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Haben Sie denn auch immer "Dalli Dalli" geguckt? War das für Sie auch ein Pflichttermin?
 
Birgit Hofmann: Als die erste Sendung kam, waren wir natürlich mit im Aufnahmestudio. Dann habe ich noch zwei, drei Sendungen gesehen und dann nicht mehr. Irgendwann später sagte mein Mann zu mir, "Hör mal, dein Vater ist im Fernsehen, und wir gucken das gar nicht. Das geht doch nicht." Und dann haben wir das immer wieder geguckt. Ja, aber es war so ein bisschen Pflichtprogramm.
 
Gert Rosenthal: Ich habe die meisten Sendung gesehen. Er wollte schon, dass ich zuschaue und auch was dazu sage. Und von daher habe ich es gemacht.

Vielen Dank für das Gespräch!
 
Das Interview mit Birgit Hofmann und Gert Rosenthal führte Steffen Prell für rbbKultur - das Magazin. Redaktionelle Bearbeitung für rbb|24: Hendrik Matter

Sendung: rbbKultur - das Magazin, 29.03.2025, 18:30 Uhr