Mann mit kurzen braunen Haaren und dunkel umrandeter Brille in dunkelblauem Hemd, spricht und gestikuliert mit der Hand

Thüringen Oper erinnert an Befreiung des KZ Buchenwald vor 80 Jahren

Stand: 04.04.2025 03:30 Uhr

In Weimar wird an die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald vor 80 Jahren erinnert: Das Deutsche Nationaltheater (DNT) zeigt aus diesem Anlass die Oper "Die Passagierin" von Mieczysław Weinberg. Erzählt wird vom Wiedersehen einer Auschwitz-Überlebenen mit einer KZ-Aufseherin, verhandelt werden Fragen von Schuld und Verantwortung. Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler hat selbst jüdische Wurzeln und sprach vor der Premiere mit MDR KULTUR über die Schwierigkeit, das Grauen von Auschwitz darzustellen, seine Familiengeschichte und Weimar als besonderen Ort.

Von MDR Kulturdesk

MDR KULTUR: Die Handlung der Oper kreist um eine KZ-Aufseherin, die ihrer Vergangenheit nicht entfliehen kann. Nach dem Krieg begegnet sie zufällig einer ehemaligen Gefangenen. Warum ausgerechnet auf einem Schiff nach Brasilien?

Jossi Wieler: Diese Überfahrt ist symbolisch dafür, dass man die Gräuel der Vergangenheit hinter sich lässt und in eine Zukunft fährt – und dass einen die Vergangenheit dann doch nicht loslässt. [...] Auch der schwankende Boden, die Wellenbewegungen, die sind geradezu symbolhaft für das, was da an Geschichte zurückgelassen wird und was wieder hochkommt.

Eine Frau in langem Mantel auf einer Bühne, hinter ihr weitere Personen, darunter eine Frau im langen Kleid, die eine Hand nach ihr ausstreckt

Die Oper "Die Passagierin" wird am Freitag am Deutschen Nationaltheater Weimar aufgeführt.

Es gibt zwei Orte im Stück: Das Schiffsdeck, das ist die Jetzt-Zeit-Handlung, und dann gibt es Rückblenden ins KZ Auschwitz. Aber wie zeigen Sie das auf der Bühne? Man zieht sich Uniformen an und gut genährte Darsteller spielen abgemagerte Häftlinge nach? Wie spielt man Auschwitz nach?

So war es, glaube ich, damals gedacht von Weinberg. Er war sehr progressiv, hat mit Einblendungen, mit Dias, usw. gearbeitet. [...] Für uns war das keine Lösung, denn es gebietet sich eigentlich nicht, dass man Häftlinge so darstellt. – So wie es ohnehin schwierig ist Auschwitz, das Grauen, den Zivilisationsbruch auf einer Bühne darzustellen. Da muss man sich immer wieder fragen, was heißt das für unsere Gegenwart – erst recht jetzt 80 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager.

Bei uns sind die Häftlinge so dargestellt, wie sie waren, als sie noch ihr Leben hatten – bevor sie ins KZ deportiert wurden: als Musiker, Akademiker, Arbeiter, Lehrerinnen. Jossi Wieler, Regisseur |

Die Oper basiert auf einem autobiografischen Roman der polnischen Autorin Zofia Posmysz, geschrieben 1962. Und Weinberg hat die Oper 1968 komponiert. Dazwischen lag der Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main. [...] Für uns war das Anlass, anders über diese Oper nachzudenken, die mit ihren Zeit-, Ort- und Bewusstseins-Ebenen spielt. Wir lassen das in einem leicht abstrahierten Gerichtssaal stattfinden, wie ein Totengericht. Anlass ist dieser Auschwitz-Prozess, der gar nicht in einem schon bestehenden Gerichtssaal stattfand damals [...] – das hat Bühnenbildnerin Anna Viebrock nachgebaut. Und darin findet eine Art Totengericht statt.

Bühnenbild Oper Die Passagierin in Dresden: In Reih und Glied stehen Frauen und Männer in gestreifter Sträflings-Kleidung da, vor ihnen zwei Männer mit Militäruniformen

"Die Passagierin" wurde 2017 an der Semperoper in Dresden gespielt. Am DNT Weimar sollen die KZ-Häftlinge anders gezeigt werden – nicht in Uniform sondern als die Menschen, die sie vor der Deportation waren.

Wir gehen eher mit dem Bewusstsein von der Gegenwart, also vom Schiffsdeck, ins Konzentrationslager nach Auschwitz, aber es spielt alles in einem Raum. [...] Die Musik und das Libretto von Weinberg sind so gestisch und plastisch, dass sich das wie von selbst erzählt, also man muss es nicht illustrieren. Deswegen sind bei uns die Häftlinge so dargestellt, wie sie waren, als sie noch ihr Leben hatten und bevor sie ins KZ deportiert wurden: als Musiker, Akademiker, Arbeiter, Lehrerinnen. Das macht es fast noch stärker: dass wir sehen, was sie nicht mehr sind. Es ist wie ein Chor der Toten als Untote, wie Gespenster, die wieder lebendig werden.

Für die Aufführung in Weimar wurde eine Neuübersetzung des Librettos in Deutsch angefertigt. Warum?

Das Original-Libretto zu Weinbergs Oper war durchgängig auf Russisch geschrieben. Weinberg lebte ja in der Sowjetunion. 2010 wurde "Die Passagierin" für die Bregenzer Festspiele von David Pountney inszeniert, hier sollten die Figuren so sprechen, wie von ihrer Herkunft vorgegeben. Wo immer diese Oper gespielt wird, wird das jetzt so gemacht. [...] Aber da gibt es viele Ungereimtheiten. Etwa ein jüdisches Mädchen aus dem griechischen Saloniki, das Jiddisch spricht, was aber eigentlich nicht sein kann, weil in Saloniki wurde entweder Griechisch geredet oder Ladino. [...] Wir haben uns also für eine Neuübersetzung auf Deutsch entschieden, was dem Ganzen auch eine größere Nahbarkeit verleiht.

Bühnenbild Oper Die Passagierin in Bregenz: Menschen mit rasierten Köpfen und Sträflingskleidung barfuß vor einer Reihe Etagenbetten

"Die Passagierin" bei den Bregenzer Festspielen 2010. In der Inszenierung hat jede Figur in ihrer eigenen Landessprache gesprochen.

Sie kommen selbst aus einer jüdischen Familie. Was bedeutet es für Sie, diese Oper jetzt in der Klassikerstadt Weimar mit Buchenwald ganz in der Nähe und aus Anlass des 80. Jahrestages der Befreiung aufzuführen?

Das ist etwas Besonderes. [...] Mir persönlich bedeutet es viel, mich mit dieser Vergangenheit, dem Zivilisationsbruch in der deutschen Geschichte, auseinanderzusetzen. Gerade in Weimar verfolgt einen das auf Schritt und Tritt. Allein wenn der Bus Nummer sechs mit der Aufschrift "Buchenwald" an einem vorbeifährt und man gerade am Frauenplan vorbeigelaufen ist. Es ist etwas, das man nicht abwerfen kann und diese Gedanken sind bei der Arbeit sehr präsent.

Eine blonde Frau im langen Kleid steht nah an einer Person mit dunklem Haar und Anzug

Regisseur Jossi lobt das wunderbare Ensemble und den motivierten Chor in Weimar.

Meine Eltern waren während des der Zeit des Holocaust schon in der Schweiz, aber direkt an der Grenze zu Deutschland, am Bodensee. Mein Vater war sehr aktiv im Sich-Kümmern um Flüchtlinge, nicht nur um Familienangehörige, sondern um alle möglichen Flüchtlinge aus ganz Deutschland vor dem Krieg und dann vor allem auch nach dem Krieg, als dann die Lager für Displaced Persons (DP) entstanden. Es gab auch eines in Konstanz und mein Vater war einer der Ersten, der über die Grenze durfte, um sich um diese Überlebenden aus den Lagern zu kümmern. Damals gab es noch kein Internet und die Verwandten, die möglicherweise ganz verstreut in der Welt waren, wurden mit Hilfe der jüdischen Flüchtlingshilfe in der Schweiz gesucht.

Theater ist ein so kostbarer Schatz für unsere Gesellschaft und wir müssen heute mehr denn je sehr dafür kämpfen, dass wir das erhalten. Jossi Wieler, Regisseur |
Blick über einen Platz auf ein Theatergebäude mit spitzem Dach, heller und Stuck an den Fensterrahmen, davor ein Denkmal von Goethe und Schiller

Das Deutsche Nationaltheater in Weimar sticht durch besonders mutige Spielpläne hervor, sagt Regisseur Jossi Wieler.

Die Befreiung des KZ Buchenwald liegt 80 Jahre zurück. Zeitzeugen, die authentisch berichten können, gibt es kaum noch. Ausgerechnet jetzt werden Fakten infrage gestellt und Wahrheiten geleugnet. Was kann das Theater bewirken, um die Erinnerung wachzuhalten?

Theater ist ein so kostbarer Schatz für unsere Gesellschaft und wir müssen heute mehr denn je sehr dafür kämpfen, dass wir das erhalten. Wir erzählen Gesellschaftsutopien. Gerade Musiktheater ist immer etwas so Besonderes. Bei jeder Oper geht es letztlich darum, dass die Menschen auf der Bühne, die Chöre, das Orchester im Graben und die Menschen hinter der Bühne zu einem Zusammenklang finden. Dafür muss man zuhören, sonst ist es dissonant. Dass dafür Menschen kommen, um dem zuzuhören und zuzuschauen, das ist für mich der utopische Gedanke an Theater.

Es sind so mutige Spielpläne, die da in den letzten paar Jahren erfunden wurden für dieses Theater (DNT Weimar). In der deutschen Theaterlandschaft ist das oft nicht so. |

Sie arbeiten ja normalerweise an großen Häusern wie zum Beispiel in Wien. Oder sie waren Intendant in Stuttgart oder in Berlin. Das Theater Weimar ist ein Theater in der Provinz, wenn auch mit großer Geschichte – Goethe als Intendant, Weimarer Verfassung, NSDAP-Parteitag. Hat das eine besondere Aura für Sie?

Ja das hat es. Aber darüber hinaus ist auch einfach das, was Andrea Moses als Operndirektorin gemeinsam mit dem musikalischen Leiter, Dominik Beykirch, geschaffen hat. Sie haben ein unglaublich spielfreudiges und sängerisch wunderbares Ensemble zusammengestellt. Das ist zu spüren, auch in den Spielplänen. Nicht von ungefähr hat die Oper Weimar den Preis der Verlage gekriegt, weil es sind so mutige Spielpläne, die da in den letzten paar Jahren erfunden wurden für dieses Theater. In der deutschen Theaterlandschaft ist das oft nicht so. Und umso kostbarer ist es, das dann so vorzufinden. Da gibt es ein Bewusstsein, ein Engagement von allen Abteilungen [...]. Da könnte man fast von einer Weimarer Dramaturgie sprechen im Musiktheater. [...]

Das Interview führte MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky.

redaktionelle Bearbeitung: ks, lg, sg

Informationen zur Produktion

"Die Passagierin"
Oper von Mieczysław Weinberg

Libretto von Alexander Medwedew, nach dem gleichnamigen Roman von Zofia Posmysz
Deutsche Fassung von Susanne Felicitas Wolf und Sergio Morabito

Regie: Jossi Wieler / Sergio Morabito
Musikalische Leitung: Roland Kluttig
Bühne & Kostüme: Anna Viebrock
Dramaturgie: Sergio Morabito
Besetzung: Emma Moore (Marta), Ilya Silchuk (Tadeusz), Heike Porstein (Katja), Sayaka Shigeshima (Krystina), Kateřina Kurzweil (Vlasta) u.v.m.

Premiere: 5. April 2025, 19:30 Uhr
Weitere Termine:
11. April 2025, 19:30 Uhr
25. April 2025, 19:30 Uhr
10. Mai 2025, 19:30 Uhr
23. Mai 2025, 19:30 Uhr