
Schleswig-Holstein Vorsorge gegen Krebs: Warum die HPV-Impfung so wichtig ist
HPV ist eine weit verbreitete Infektion, die Krebserkrankungen verursachen kann. In Schleswig-Holstein steigen die Impfquoten, doch es bleibt noch viel zu tun, um auch Jungen verstärkt zu schützen.
Humane Papillomviren (HPV) gehören zu den häufigsten sexuell übertragbaren Viren weltweit und sind für eine Vielzahl von Krebserkrankungen verantwortlich. "Wer Geschlechtsverkehr hat, steckt sich im Laufe des Lebens mit diesen Viren an, davon kann man ausgehen", sagt Ingke Hagemann. Die Frauenärztin aus Kronshagen (Kreis Rendsburg-Eckernförde) beschäftigt sich in ihrer Praxis hauptsächlich mit der Früherkennung von HPV-bedingtem Krebs. Sie führt aus, dass das Immunsystem HPV-Infektionen normalerweise "rausschmeißt". Doch bei einigen eben nicht. Rund 9.000 Menschen erkranken jährlich neu in Deutschland, zum Beispiel an Gebärmutterhalskrebs oder Kopf- und Halstumoren, die auf HPV-Infektionen zurückzuführen sind. Die Prävention: Die HPV-Impfung - doch die Impfraten liegen weit unter den Erwartungen.
Die Auswirkungen von HPV: Nicht nur Frauen betroffen

Dr. med. Ingke Hagemann behandelt in ihrer Praxis Frauen, die Krebsvorstufen entwickelt haben.
HPV ist nicht nur für Frauen ein Risiko. Es ist allgemein bekannt, dass es Gebärmutterhalskrebs verursachen kann, aber auch andere Krebsarten im Genitalbereich, am After und im Kopf-Hals-Bereich sind mit einer HPV-Infektion assoziiert. Besonders auffällig ist, dass Männer vermehrt an Kopf-Hals-Karzinomen erkranken. Professor Markus Hoffmann, stellvertretender Direktor der HNO-Klinik des UKSH in Kiel, forscht seit 30 Jahren zur Rolle von HPV bei diesen Krebsarten. Er vermutet sogar, dass HPV-bedingte Tumore in diesem Bereich in Zukunft häufiger auftreten könnten als Gebärmutterhalskrebs.
Und tatsächlich ist es so, dass die Impfung deswegen jetzt ja auch für die Jungs klar von der STIKO empfohlen ist, um da eben auch die Erkrankungen zu vermeiden, die HPV verursachen kann."
— Dr. Markus Hoffmann, HNO-Klinik UKSH in Kiel
Die Rolle des Immunsystems bei HPV
Während der Großteil der Bevölkerung also im Laufe des Lebens mit HPV in Kontakt kommt, gelingt es dem Immunsystem in den meisten Fällen, das Virus zu bekämpfen, ohne dass eine Krankheit entsteht. Doch bei den Fällen, wo das nicht gelingt, kann es zu einer chronischen Infektion kommen, die dann zu Krebs führen kann. Hier spielt die Forschung eine zentrale Rolle: Der genaue Verlauf der Virusinfektion und warum bestimmte Menschen die Infektion wieder verlieren, ist jedoch noch nicht vollständig geklärt, sagt Markus Hoffmann. Forschende arbeiten daran, diese Prozesse besser zu verstehen, so der Oberarzt. Eins sei aber jetzt schon klar: Die HPV-Impfung stellt die wirksamste Präventionsmaßnahme dar, um vor den krebsauslösende HPV-Typen zu schützen.

Seit 30 Jahren forscht Professor Doktor Markus Hoffmann zu HPV und Krebs.
Impfungen gegen HPV: Schutz vor Krebs
2007 hatte die Ständige Impfkommission (STIKO) das erste Mal eine HPV-Impfempfehlung für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren ausgesprochen. Zehn Jahre später dann wurde das Impfalter auf 9 bis 14 Jahre gesenkt – und seit 2018 werden auch die Jungen in die Empfehlung einbezogen. In Schleswig-Holstein wurde 2023 ein Anstieg der Impfungen verzeichnet, doch die Impfrate bleibt hinter den Erwartungen zurück. Besonders bei Jungen ist die Impfquote noch nicht zufriedenstellend.
Das berichtet auch Alexander Baumgarten-Walczak. Er ist Kinderarzt in Preetz (Kreis Plön) und versucht Eltern über die komplikationslose, aber wirksame Impfung aufzuklären. Ein großes Problem bei der Impfkampagne sind Missverständnisse und kulturelle Vorbehalte. In einigen Kulturen gäbe es Bedenken, dass die Impfung als "Freifahrtschein" für die sexuelle Freizügigkeit ihrer Zöglinge missverstanden wird, dabei kann es sie perspektivisch gegen Krebs schützen, so Baumgarten-Walczak.
Impfung am besten vor dem ersten Sexualkontakt - aber auch danach sinnvoll
Der ideale Zeitpunkt für die Impfung sei tatsächlich bevor der erste Sexualkontakt stattgefunden hat, da das Virus sexuell übertragen wird, sagt der Kinderarzt. Dann kann eine vollständige Schutzwirkung gewährleistet werden. Die Impfung sollte bis spätestens zum 18. Geburtstag abgeschlossen sein. Sollte sie später erfolgen, etwa im Erwachsenenalter, kann sie aber immer noch sinnvoll sein, jedoch ist der Schutz gegen bereits bestehende Infektionen möglicherweise reduziert. Für Mädchen und Jungen zwischen 9 und 17 Jahren wird die HPV-Impfung von den gesetzlichen und in der Regel auch von den privaten Krankenversicherungen bezahlt. Einige Krankenversicherungen haben ihre Leistungen darüber hinaus ausgeweitet und übernehmen die Impfkosten auch für Frauen und Männer über 18 Jahre, meist bis zum 26. Lebensjahr.

Alexander Baumgarten-Walczak klärt in seiner Kinderarztpraxis Eltern über die Sinnhaftigkeit der HPV-Impfung ihrer Kinder auf.
Einen schützenden Effekt gibt es natürlich trotzdem von der Impfung, aber die Erfolgsrate ist geringer. Aber immer noch hat man einen gewissen Schutz auch vor HPV Infektionen. Auch bei Impfungen nach dem ersten Sexualkontakt."
— Alexander Baumgarten-Walczak, Kinderarzt
Der lange Weg zu höheren Impfquoten
In Schleswig-Holstein wird weiterhin intensiv an der Verbesserung der Aufklärungsarbeit gearbeitet, um auch skeptische Eltern und die breitere Bevölkerung besser zu erreichen. Trotz eines positiven Anstiegs der Impfquoten bleibt die Situation im Land angespannt. Laut einer Hochrechnung der DAK Gesundheitskasse erhielten 2023 insgesamt 21.300 Mädchen und Jungen ihre erste HPV-Impfung – ein Anstieg von acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders erfreulich ist, dass die Impfquote bei Neunjährigen im Vergleich zu 2022 um 17 Prozent gestiegen ist, während die Zahl der Impfungen bei 9- bis 14-Jährigen um 15 Prozent zugenommen hat.
Dringend mehr Aufklärung!
Trotz dieses Fortschritts liegt SH jedoch immer noch 35 Prozent unter den Impfquoten von 2019 – also vor der Corona-Pandemie – und damit auch unter dem deutschen Durchschnitt. Besonders bei Jungen ist die Situation problematisch: Hier gibt es laut der Hochrechnung einen Rückgang von 41 Prozent, bei den 9- bis 14-Jährigen immerhin noch 24 Prozent weniger Erstimpfungen. Es wird dringend mehr Aufklärung benötigt, um die Bevölkerung, insbesondere auch die männliche, von den Vorteilen der HPV-Impfung zu überzeugen, das fordern Ärztinnen und Ärzte - aber auch Forscher wie Markus Hoffmann. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) strebt bis 2030 eine Impfrate von 90 Prozent bei Mädchen und eine deutliche Steigerung bei Jungen an.
Dieses Thema im Programm:
NDR Fernsehen | Schleswig-Holstein Magazin | 02.04.2025 | 19:30 Uhr