
Hamburg Podcast "Feel Hamburg" mit Rainer Moritz - Chef des Literaturhauses
Die Interessen des scheidenden Chefs des Hamburger Literaturhauses, Rainer Moritz, sind ein interessanter Dreiklang: Literatur, Fußball und Deutscher Schlager. Mit "Feel Hamburg"-Host Daniel Kaiser spricht er über seine Leidenschaften.
"Ich war unglaublich gerne auf Dorfplätzen Fußball-Schiedsrichter", erinnert sich Rainer Moritz an seine Jugendjahre, als er in der schwäbischen Kreisliga gepfiffen hat. Diese Erfahrungen haben ihn sehr geprägt, denn er musste seine Entscheidungen "vor 100 Zuschauern und altgedienten Haudegen vertreten, die seit 20 Jahren bei Brackenheim oder Geilenkirchen spielen." Ein Spiel gut geleitet zu haben, sei immer ein sehr befriedigendes Gefühl gewesen. Man musste sich Respekt verschaffen und robust auftreten, um bestehen zu können.
"Am Sonntag war ich bei irgendeinem Spiel als Schiedsrichter unterwegs und im Studium habe ich montags ein Faust II Seminar in Tübingen besucht. Diese Konfrontation mit unterschiedlichen Lebenswelten war für mich sehr heilsam." Und das habe sich später auch auf seine Arbeit als Literaturkritiker positiv ausgewirkt.
Ein Kritiker mit klarer Haltung
Rainer Moritz ist nicht nur ein profunder Literaturkenner, sondern auch ein streitbarer Kritiker. In der heutigen Medienlandschaft, in der Verrisse oft als unnötig oder zu scharf empfunden werden, hält er an der klassischen Literaturkritik fest: "Dieses Immer-nett-zueinander-sein ist eine Tendenz, die ich seit einigen Jahren beobachte. Damit kann ich nichts anfangen, immer freundlich über Bücher zu sprechen. Chefredakteure sagen: 'Verrisse brauchen wir nicht, die nehmen ja nur Platz weg in den Printmedien.' Nein, Literaturkritik trennt die Spreu vom Weizen und versucht, das mit Argumenten zu tun. Und dann kommt es eben auch mal zu Verrissen. Niemand gefällt es, wenn er einen Verriss bekommt, das ist klar. Andererseits ist das der Job von Literaturkritik."
Rainer Moritz gibt Autoren, die einen Verriss verdauen müssen, einen Rat mit auf den Weg: "Es gibt natürlich auch mal Autoren, die empört sind über das, was man geschrieben hat. Dass der Autor jetzt selber einen Brief schreibt an den Rezensenten, das kommt eher selten vor, sollte man auch nicht tun. Stattdessen kann man zum Beispiel im nächsten Roman eine unangenehme Figur nach dem Kritiker benennen und hat dann seine Rache."
Die Liebe zum Schlager
Neben der Literatur ist der deutsche Schlager eine andere große Leidenschaft von Rainer Moritz. Er hat nicht nur Bücher über dieses Genre geschrieben, sondern bringt seine Begeisterung auch bei "Feel Hamburg" mit einer persönlichen Geschichte zum Ausdruck: "Ich werde nie vergessen, dass ich mal mit einem Kollegen zusammen zu Vertreter-Sitzungen, die außerhalb Hamburgs waren, mit dem Auto gefahren bin. Da habe ich natürlich meine Schlager-CDs dabei gehabt und gespielt. Dann habe ich meinem werten Kollegen gesagt: 'Das ist aber ein sehr guter Schlager.' Er war immer Bob Dylan-Fan, hat mich angeschaut und den legendären Satz gesagt: 'Da hören Sie Unterschiede?' Für ihn war alles eins, was mit Schlager zu tun hatte."
Rainer Moritz hört und macht viele Unterschiede bei Schlagermusik. "Ich mag klassische Schlager sehr gern, die einfach den Ton getroffen haben. Warum ist 'Marmor, Stein und Eisen bricht' so ein Evergreen geworden? Warum andere Schlager nicht? Das ist auch in der Literatur eine spannende Frage. Warum setzen sich manche Bücher durch und andere nicht?"
Ein prägendes Gesicht der Hamburger Kulturszene
Mit seinem breiten Interesse an Literatur, Musik und Fußball sowie seiner direkten Art ist Rainer Moritz eine herausragende Persönlichkeit im deutschen Kulturbetrieb. Als Leiter des Literaturhauses Hamburg sorgt er seit vielen Jahren dafür, dass spannende Debatten geführt werden und Literatur kritisch betrachtet und gefeiert wird. Gleichzeitig bleibt er sich und seinen Leidenschaften treu - sei es als Literaturkritiker, Schlager-Experte oder geerdeter Fußballfan.
Im Gespräch mit Daniel Kaiser verrät Rainer Moritz auch, ob er sich von Büchern trennen kann, warum er gerne in Eppendorf lebt und wie er damit umgeht, dass die junge Generation viel weniger liest.
Den kostenfreien Podcast "Feel Hamburg" finden Sie hier, in der NDR Hamburg App, in der ARD Audiothek und bei anderen Podcast-Anbietern.
Dieses Thema im Programm:
NDR 90,3 | "Feel Hamburg" | 02.04.2025 | 20:00 Uhr