Ein Mann geht in einer Arztpraxis durch das Wartezimmer.

Baden-Württemberg Wenn der Patient einfach nicht kommt: Forderung nach Ausfallhonorar für Ärzte

Stand: 01.04.2025 16:00 Uhr

100 Euro als Strafe, wenn man den Termin beim Arzt einfach sausen lässt - das fordert der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. Würde ein solches Ausfallhonorar etwas ändern?

Wer einen Termin beim Arzt ausmacht und dann einfach nicht erscheint, soll ein Ausfallhonorar von bis zu 100 Euro zahlen - das fordert der Sprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske, in der "BILD"-Zeitung. Mit einem solchen Verhalten nehme man anderen Patientinnen und Patienten Termine weg, die diese vielleicht dringend benötigen, so sein Argument.

Würde ein Ausfallhonorar etwas ändern? Umgehört bei der Ärzteschaft Heilbronn:

Arzttermine als knappe Ressource

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, sagte, es seien zwischen 10 und 20 Prozent der gebuchten Termine beim Arzt, die einfach nicht wahrgenommen würden - und die so anderen Patientinnen und Patienten fehlen, heißt es auch von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Gerade Facharzttermine seien ein Problem, hier müssten die Menschen sowieso bereits sehr lange auf einen Termin warten.

Wir dürfen mit einer so knappen Ressource wie (Fach-)Arztterminen nicht leichtfertig umgehen. Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg

Sollte es allerdings so etwas wie ein Ausfallhonorar geben, dann müsste auch gewährleistet sein, dass Patientinnen und Patienten die Termine möglichst einfach stornieren können. Den Praxen wiederum müsste es möglichst einfach gemacht werden, eine solche Gebühr zu erheben.

Frauenärzte wohl besonders betroffen

Besonders bei Frauenärzten scheint das Problem aufzutreten, das bemerken sowohl die stellvertretende Landesvorsitzende vom Berufsverband der Frauenärzte, Carmen Seifried, als auch Elisabeth Koerber-Kröll, Vorsitzende der Ärzteschaft Schwäbisch Hall. Eine Erklärung, warum es gerade diesen Berufszweig so stark trifft, haben beide allerdings nicht. Seifried berichtet, dass die Entwicklung in den vergangenen 15 Jahren zugenommen habe, dass besonders jüngere Patientinnen einfach nicht erscheinen.

"Wartezimmer" ist auf der Tür eines leeren Wartezimmers in einer Arztpraxis zu lesen. Manche Patienten erscheinen trotz Termin einfach nicht.

Besonders Frauenärztinnen und -ärzte sind wohl stark davon betroffen, dass Patientinnen einfach nicht zum Termin erscheinen.

Das Problem sei sogar so akut, dass sie dazu übergangen ist, nach zwei Mal unentschuldigtem Fehlen einfach keinen neuen Termin mehr anzubieten. Einmal vergessen, könne immer passieren, findet Seifried. Aber wenn es öfter vorkomme, sei das einfach "respektlos uns Ärzten gegenüber". Auch Kolleginnen und Kollegen seien bereits dazu übergegangen.

Besonders auffällig: Am häufigsten werden Termine am Freitagnachmittag vergessen, gerade im Sommer. Das sei sehr ärgerlich, denn Seifried bietet Sprechstunden freitags bis 16 Uhr an. Da könne es durchaus passieren, dass sie ab 15 Uhr dann einfach nur auf den letzten Termin wartet, der dann im schlimmsten Fall aber nicht kommt.

Manche Ärzte setzen bereits auf Strafzahlungen

Deswegen setzt Andreas Kühn, Vorsitzender der Ärzteschaft Künzelsau (Hohenlohekreis) mit einer Anästhesie- und Schmerzpraxis bereits seit rund drei Jahren auf eine Strafzahlung von 50 Euro, sollte der Patient oder die Patientin einfach unentschuldigt fehlen. Wer die entsprechende Vereinbarung nicht unterschreibt, bekommt keinen Termin. Seither sei zumindest die Quote an rechtzeitigen Absagen besser geworden, sagt Kühn - denn dann kostet es nichts.

Wenn Termine plötzlich ausfallen, ist das für ihn besonders ärgerlich, wenn er beispielsweise einen erste Sprechstunde für chronische Schmerzpatienten vereinbart hat. Dafür blockt er sich extra eine Dreiviertelstunde, erzählt Kühn, da darf auch niemand stören. Sitzt aber dann doch niemand im Wartezimmer, geht die Zeit einfach verloren.

Kurzfristige Absagen ärgerlich für die Ärzte

Dass Patientinnen und Patienten trotz Termin nicht kommen, beobachtet auch Radiologe Reinhard Tomczak mit Praxen in Bad Friedrichshall, Leingarten (beides Kreis Heilbronn) und Crailsheim (Kreis Schwäbisch Hall). Allerdings ist das zumindest in seinen Praxen nicht häufig der Fall, er spricht von vielleicht fünf bis sechs Fällen pro Woche. Häufiger kommen da kurzfristige Absagen vor. In solchen Fällen wird versucht, jemand anderes vorzuziehen, dafür gibt es extra eine Warteliste. Ein Tag Vorlauf reicht in der Regel.

Wenn jemand um 8 Uhr anruft, dass er um 9 Uhr nicht kommt, ist das schlecht. Reinhard Tomczak, Radiologe und stellvertrender Vorsitzender der Ärzteschaft Heilbronn

Kommt keiner, gehen bis zu 100 Euro verloren

Bei ihm als Radiologen geht es vor allem darum, dass die Großgeräte wie CT oder MRT eng getaktet sind. Ungefähr im Halbstundentakt kommen die Patientinnen und Patienten. Erscheint jemand ohne Ankündigung einfach nicht und die Geräte stehen still, bedeutet das durchaus einen Ausfall von rund 100 Euro, erklärt Tomczak - es sei denn, in dem Moment kommt gerade jemand an die Anmeldung und kann dann ganz spontan vorgezogen werden.

Ob ein Ausfallhonorar da etwas ändern würde, hänge sicher von den Beweggründen der Person ab, denkt Tomczak. Manche würden dann sicher weniger lax mit Terminen umgehen. Wer es dagegen einfach vergisst, bei dem nützt auch ein solches Strafgeld nichts.

Ausfallhonorar auch umgekehrt, wenn man warten muss?

Eine solche Gebühr könnte allerdings auch noch eine Kehrseite haben: Was ist zum Beispiel mit Menschen, die trotz Termin erst einmal ein bis zwei Stunden im Wartezimmer sitzen? Hätten die dann umgekehrt auch Anspruch auf ein Ausfallhonorar? Diesen Gedanken bringt Martin Uellner, Internist in Heilbronn und Vorsitzender der Ärzteschaft Heilbronn ins Spiel.

Er hält die Forderung auch generell für überzogen. In seinem Alltag seien die Tage eng durchgetaktet. Zusätzlich kommen immer auch noch Patientinnen und Patienten unangemeldet dazu, sowie natürlich kurzfristige Notfälle. Erscheine da mal jemand nicht, könne er immer kurzfristig jemanden einschieben.

Was beide Ärzte betonen: Die Situation kann je nach Praxis oder Fachrichtung aber komplett anders aussehen. Und ob ein Ausfallhonorar wirklich was ändern würde, könne man nicht absehen.

Sendung am Di., 1.4.2025 10:00 Uhr, SWR4 am Vormittag, SWR4

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