
Baden-Württemberg Ein Jahr Cannabisgesetz: Eigenanbau boomt in Ulm
Seit einem Jahr ist der private Anbau und Konsum von Cannabis in Teilen legal. Für viele Konsumierende in Ulm bringt das Cannabisgesetz Freiheit - aber auch Angst, sie wieder einzubüßen.
Cannabis rauchen - und zwar legal: Als vor einem Jahr, am 1. April 2024, das Cannabisgesetz (CanG) in Kraft getreten ist, wurde das auch in Ulm von Fans der Droge gefeiert. Seitdem ist ihr Konsum zum Teil legal: Bis zu 25 Gramm dürfen Erwachsene unterwegs bei sich haben, zuhause sogar bis zu 50 Gramm.
Auch der Anbau von maximal drei Pflanzen ist jetzt qua Gesetz erlaubt. Ein Jahr später haben sich viele an die Freiheiten gewöhnt - und sorgen sich doch darum, sie wieder zu verlieren.
Cannabis aus dem Kleiderschrank
James öffnet die Tür eines unscheinbaren, weißen Schranks. Zum Vorschein kommt etwas, was der Ulmer lange Zeit verborgen hat: zwei Töpfe mit dichten, grünen Gewächsen. Die langen, schlanken Blätter mit feinen Zacken hat wohl jeder schon gesehen. Sie gehören zur Cannabispflanze. Und die ist James' großes Hobby.

Eine Pflanze kostet James im Eigenanbau zwischen 50 und 100 Euro, wenn er die Kosten für Strom, Wasser, Stecklinge und Zubehör zusammenrechnet. Von dem Gewächs bleiben am Ende die getrockneten Blüten als fertiges Cannabis übrig.
Seit gut drei Jahren hat der junge Mann mit wachen Augen alles zum Thema Cannabis gelesen und sich schließlich selbst im Anbau versucht. Ein Risiko, immerhin war das bis vor einem Jahr noch strafbar. "Man sollte die Anlage nicht riechen, nicht hören und auch nicht sehen", erklärt James, der eigentlich anders heißt.
Also versteckte er sie im Kleiderschrank, mit extraleisen Filteranlagen und künstlichem Sonnenlicht. Heute sei das zum Glück anders. Trotzdem sorge er sich vor gesellschaftlichen Nachteilen - etwa, wenn sein Arbeitgeber von seinem Konsum erfährt.
Cannabisgesetz: Eigenanbau von bis zu drei Pflanzen
Seit der Einführung des Cannabisgesetzes darf James bis zu drei Pflanzen zuhause haben. Täglich kontrolliert er ihren Wuchs. In seinem Bekanntenkreis hätten sich in den letzten Monaten viele am Gärtnern versucht. "Vor allem Outdoor. Leider hatten wir letztes Jahr ein relativ feuchtes Jahr, deswegen hatten die meisten Leute Schimmel und haben deswegen auch wieder das Handtuch geworfen", so James.
Wer in Ulm Cannabis anbaut, könnte sich vorher bei Eric Schröter eingedeckt haben. Der 38-Jährige verkauft in seinem "Grow Shop" alles rund ums Gras: Aufgereiht in langen Regalen stehen bunte Flaschen mit Dünger. Auf Paletten stapeln sich große Plastikbeutel mit spezieller Erde. Es gibt Hanfsamen mit klangvollen Namen wie "Banana Cream" oder "Royal Gorilla".

Im Laden von Eric Schröter gibt es auch Anbauzelte: Kubisch, mit Reißverschluss, LED-Lichtern und Abluftfiltern.
Für Schröter ist die Teillegalisierung ein gutes Geschäft. Schon zwei Monate bevor das Cannabisgesetz im April 2024 kam, habe er seinen Hauptumsatz gemacht: "Da kam die richtige Welle. Die Leute haben sich eingedeckt, weil viele Angst hatten, sie kommen nicht mehr an Produkte."
Eigenanbau boomt durch Cannabisgesetz
Acht Wochen nach der Teillegalisierung sei sein Laden ausverkauft gewesen - selbst Ausstellungsstücke. "Das ging eine Weile so. Der deutsche Markt hat die Waren des kompletten europäischen Markts reingezogen", meint Schröter.

Eine kleine Auswahl an Hanfsamen. Es gibt mehr als tausend verschiedene Sorten. Sie unterscheiden sich in Aussehen, Wachstum und Effekten.
Das bestätigt auch Michael Greif, Geschäftsführer des Branchenverbands Cannabiswirtschaft e.V. "Das Cannabisgesetz führte zu einem Boom beim privaten Eigenanbau." So habe sich 2024 für die gesamte Cannabiswirtschaft ein Umsatzvolumen von einer knappen Millarde Euro ergeben.
Man merkt einen deutlichen Einbruch mit der Union. Eric Schröter, Grow Shop "Garten Eden" in Ulm
Und doch: Nach den Neuwahlen macht sich Unsicherheit breit, erzählt Eric Schröter vom Ulmer Grow Shop: "Man merkt einen deutlichen Einbruch mit der Union. Und jetzt sind gerade alle so ein bisschen gespannt, der ganze Markt: Wie geht es jetzt weiter?"
Bislang suchen nicht mehr Menschen Hilfe wegen Cannabis
Am besten mit mehr Aufklärung, sagt Hans-Peter Hermann von der Ulmer Drogenhilfe. In den Räumen eines unscheinbaren Hauses in der Innenstadt beraten Hermann und sein Team Menschen, die mit Sucht und Folgeerkrankungen zu ihnen kommen. Wie hat sich das mit der Teillegalisierung entwickelt?
Hans-Peter Hermann, Geschäftsführer der Drogenhilfe Ulm/Alb-Donau e.V., über die Auswirkungen des Cannabisgesetzes:
Drogenhilfe wünscht sich Nachbesserungen bei Cannabisgesetz
"Aus unserer Sicht hat sich nichts dahingehend geändert, dass hier massenweise Leute zu uns kommen, weil sie eine Konsumproblemstörung haben." Für Hermann wenig überraschend. Allerdings seien noch viele falsche Vorstellungen zum Cannabisgesetz im Umlauf: "Bei Präventionsveranstaltungen, bei Elternabenden, wo unsere Aufgaben momentan noch oft darin liegt, die zu korrigieren", so Hermann. Der Diplom-Sozialarbeiter wünscht sich Nachbesserungen des Gesetzes in den Bereichen Jugendschutz und Kontrolle des Schwarzmarkts.

Auf die Blüte der Cannabispflanze haben es Kosumenten abgesehen. Auf ihnen befindet sich Harz, das das bewusstseinsverändernde Cannabinoid THC enthält. Nach der Ernte muss sie getrocknet werden, bevor sie konsumiert wird.
Zurück in James' Wohnung. Er düngt gedankenverloren seine Cannabispflanzen im Schrank. In zwei Monaten kann er sie ernten. Mehrere tausend Euro hat er in seine teilautomatisierte Anlage gesteckt. Die neue Regierung bereitet ihm dabei keine Bauchschmerzen: "Ich gehe davon aus, dass das politisch ein untergeordnetes Thema ist und es da kein Zurückrudern gibt." Und: Dass er sich auch weiterhin mit einer eigenen Ernte belohnen kann.
Sendung am Di., 1.4.2025 19:30 Uhr, SWR Aktuell Baden-Württemberg, SWR BW