
Gipfel für Menschen mit Behinderung "Inklusion ist nicht nur ein wünschenswertes Ideal"
Mit einem internationalen Gipfel in Berlin soll auf die Lage von Menschen mit Behinderungen aufmerksam gemacht werden. Fehlende Inklusion bedeute, dass Gesellschaften etwas verloren gehe, sagt Entwicklungsministerin Schulze.
Die geschäftsführende Entwicklungsministerin Svenja Schulze fordert weitere Anstrengungen, um für Menschen mit Behinderungen mehr Barrierefreiheit zu erreichen. Zum Auftakt einer internationalen Fachkonferenz in Berlin sagte die SPD-Politikerin: "Inklusion ist nicht nur ein wünschenswertes Ideal, sondern ein grundlegendes Menschenrecht."
Mehr als 3.000 Vertreter von Regierungsstellen und Zivilorganisationen kommen bis Donnerstag zum 3. Weltgipfel für Menschen mit Behinderung zusammen. Ziel des Treffens ist es, konkrete Fortschritte zur Verwirklichung der UN-Behindertenrechtskonvention auf den Weg zu bringen. Die Teilnehmer sind aufgerufen, konkrete Zusagen zu machen.
"Kein Land der Welt ist komplett barrierefrei"
1,3 Milliarden Menschen - mehr als 15 Prozent der Weltbevölkerung - lebten mit einer Behinderung, sagte Schulze. Viele von ihnen seien täglich mit Hindernissen und Nachteilen konfrontiert. Zwar hätten 192 Länder die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen unterzeichnet, auch Deutschland. Trotzdem sei die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in keinem Land der Welt zu 100 Prozent umgesetzt: "Kein Land der Welt ist komplett barrierefrei", sagte Schulze.
Fehlende Inklusion bedeute auch, dass Gesellschaften etwas verloren gehe, sagte sie - Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zufolge bis zu sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts eines Landes. "Die gute Nachricht ist: Es gibt bereits viele Erfahrungen und Ideen für mehr Inklusion und Barrierefreiheit, von denen wir und andere lernen können. Sie sind aber oft noch nicht bekannt genug", erklärte Schulze.
Lebenserwartung ist deutlich geringer
Nach einer Studie des UN-Kinderhilfswerks UNICEF haben Menschen mit Behinderungen im weltweiten Durchschnitt eine um 14 Jahre geringere Lebenserwartung als Menschen ohne Behinderung. In den ärmsten Ländern betrage die Schere sogar 23 Jahre, berichtete das Redaktionsnetzwerk Deutschland aus einer vom Entwicklungsministerium in Auftrag gegebenen Studie. In den reichsten Ländern liege der Abstand bei zehn Jahren.
Demnach gibt es weltweit auch erhebliche Unterschiede beim Zugang zu Therapien und Hilfsmitteln. Während in den reichsten Ländern 88 Prozent der Menschen mit Behinderungen die erforderlichen Hilfsmittel wie Prothesen, Rollstühle oder Hörgeräte erhielten, seien es in den ärmsten Ländern nur elf Prozent.
Es gebe außerdem ein starkes Gefälle beim medizinischen Personal. Während in den reichsten Ländern auf eine Million Einwohner mehr als 900 Physiotherapeuten kommen, seien es in ärmeren Ländern weniger als 30.