
M23 im Osten der DR Kongo Machtsicherung mit Waffen, Besen und Anzugträgern
Im Osten der DR Kongo versucht die Miliz M23, sich ein zivileres Antlitz zu geben. In der eroberten Stadt Goma schickt sie Männer nach vorne, die den Saubermann geben. Doch die Kämpfe und das Plündern gehen weiter.
Vor dem Regierungsgebäude der Provinzhauptstadt Goma im Ostkongo warten Journalisten. Ein Mann im schicken grauen Anzug, dunkelblauen Hemd und passender Krawatte kommt heraus. Willy Manzi sieht überhaupt nicht wie ein Milizionär aus. Aber er ist von der M23-Miliz zum Vizegouverneur der Provinz Nord-Kivu ernannt worden und hat an diesem Tag eine besondere Mission.
Manzi gibt Autos zurück, die zuvor von der Miliz beschlagnahmt wurden. "Als wir hier ankamen, haben wir die Fahrzeuge in Besitz genommen", sagt er. Doch jetzt sollten sie wieder abgegeben werden, schließlich müsse alles seine Ordnung haben.
Die Autos sind in diesem Fall zwei moderne Geländewagen mit Ladefläche. Sie gehören der Universität in Goma, die sie jetzt zurückbekommt.
Manzi hält eine kleine Ansprache darüber, dass die M23 alles besser machen will als die bisherige Regierung: "Wir arbeiten für die Bevölkerung. Wir wollen, dass die Menschen ein anderes Leben als vorher haben. Und sie sind jetzt glücklich."
Das letzte sagt er mit einer Geste zu den beiden Professoren, die für die Universität die Wagen in Empfang nehmen. Beide ringen sich ein verkrampftes Lächeln ab.

Willy Manzi hat die Kampfmontur gegen einen Anzug getauscht. Doch in der Provinz gehen die Kämpfe weiter.
Ein anderes Image soll her
Die Menschen in Goma haben Anfang des Jahres heftige Kämpfe erlebt. Die M23 eroberte die Stadt mit Gewalt. Die kongolesische Armee gab sich der Miliz geschlagen. Es gab Massenexekutionen, Vergewaltigungen, Plünderungen.
Doch jetzt will die M23 ihr Gesicht ändern. Sie setzt smarte Anzugträger wie Manzi auf wichtige Posten.
Der 39-Jährige hat nach eigenen Angaben selbst eine Vergangenheit als Flüchtling. Als Kind sei er aus Goma vertrieben worden und nach Stationen in verschiedenen Lagern schließlich durch Vermittlung des UN-Flüchtlingshilfswerks in Kanada gelandet.
Für die M23 kam er jetzt zurück. Er stellt die Miliz als Befreier für die Menschen im Ostkongo dar. Nach und nach solle alles wieder aufgebaut werden. "Wir ziehen nicht wieder ab. Das wird niemals passieren. Unsere Flüchtlinge weltweit werden zurückkommen, und wir werden den Frieden in der Region wiederherstellen."
Flüchtlinge werden wieder vertrieben
Doch was nicht in das Bild der M23 passt, muss weichen. So auch ein Flüchtlingslager am Stadtrand von Goma.
Eine Tour durch das frühere Camp ist wie eine Fahrt über Ackerboden. Eine Hütte aus Wellblech mit einem Aufdruck von Ärzte ohne Grenzen steht wackelig am Rand. Sonst ist fast nichts übrig geblieben.
Tausende von Menschen hatten hier bis vor wenigen Wochen Zuflucht gesucht, auch vor der M23. Als die Miliz ankam, zwang sie alle, in ihre Dörfer zurückzukehren. Egal, ob ihnen dort noch etwas geblieben war oder nicht.

Von hier wurden viele Flüchtlinge aus Goma vertrieben. Für sie bedeutet es neue Not und Armut.
Zum Betteln gezwungen
Anna Safi ist eine dieser Rückkehrerinnen. Die 60-Jährige lebt mit einigen Enkelkindern wieder in ihrem Dorf, wo ihr Haus zerstört ist. Alles ist niedergebrannt. Mit ein paar Holzlatten und Planen, die sie aus dem Flüchtlingslager retten konnten, hat sich die Familie eine Unterkunft gebaut. Safi versucht, mit dürren Zweigen ein Feuer anzuzünden.
Für einige Tage habe sie Widerstand geleistet, erzählt sie, weil sie im Camp bleiben wollte. Aber die M23 habe ihr keine Wahl gelassen. Im Dorf kann sie jetzt nicht auf Unterstützung von Hilfsorganisationen hoffen.
Darum müsse sie mit ihren Enkeln durch Betteln überleben. Wenn andere sähen, dass die Kinder hungern, gäben sie manchmal etwas ab.
Die Familie ist zerrissen. Ihr Mann ertrank bei einer Bootsfahrt über den See, als er Essen besorgen wollte. Einer ihrer Söhne, noch keine 20 Jahre alt, sei von der Miliz verschleppt worden. Sie wisse nicht, wo er ist und ob er überhaupt noch lebt, sagt Safi. Das sei jetzt schon anderthalb Monate her.
Weitere Regionen werden ins Visier genommen
Die M23 braucht neue Kämpfer. Denn der Eroberungszug der Miliz ist nicht vorbei. Von den beiden Provinzen, die sie im Ostkongo eingenommen hat, zieht sie weiter - in Gebiete, in denen es viele Minen gibt.
Die M23 kontrolliert schon die größte Coltan-Mine im Ostkongo, aus der den Vereinten Nationen zufolge 15 Prozent des weltweiten Bedarfs gedeckt werden. Der Rohstoff wird unter anderem für die Produktion von Handys und Spielekonsolen gebraucht.
Es gibt Vermutungen, dass ein Teil des Coltans inzwischen über Ruanda in westliche Staaten exportiert wird. Das Nachbarland des Kongo unterstützt die M23 nach UN-Angaben mit mehreren tausend Soldaten.
Die ruandische Regierung unter Präsident Paul Kagame streitet das jedoch ab - genau wie den Export von Mineralien aus dem Kongo. Doch wie eng Ruanda und die Miliz zusammenstehen, zeigt sich auch an Kleinigkeiten.
Samstag ist Putztag
Samstags ist jetzt Putztag in Goma. Genau wie einmal im Monat in Ruanda, wo die ganze Bevölkerung dann Straßen fegen und Gräben säubern muss. Vizegouverneur Manzi packt heute mit an. Den schicken Anzug hat er gegen eine schwarze Jeans, Poloshirt und Warnweste getauscht.
Mit einem Spaten schaufelt er Müll von der Straße. "Bevor wir hier ankamen, war die Stadt dreckig", sagt er. "Dann haben wir beschlossen, dass wir gemeinnützige Arbeit einführen. Wir bringen den Leuten bei, dass sie vor ihren Häusern sauber machen sollen."
Er greift sich einen Reisigbesen und fegt den letzten kleinen Abfall zusammen. Hinter ihm sind zwei junge Milizionäre in Tarnuniform mit dabei, die demonstrativ ihre Gewehre halten.
So sichert die M23 jetzt wohl ihre Macht in Goma - mit Männern im Anzug, mit Besen und mit Waffen.

Putztage kennt man aus dem benachbarten Ruanda - nun hat die Miliz M23 sie in der Provinz Goma eingeführt.